„Freia GmbH“ – Freiberger Außenlager des KZ Flossenbürg

Die sächsische Bergstadt Freiberg wurde in den letzten Kriegsmonaten noch zu einem der herausragenden Standorte nationalsozialistischer Weltherrschaftspläne und der „Endlösung der Judenfrage“. Hier sollten in einem neuerrichteten Betriebsteil der Potsdamer ARADO Flugzeugwerke Bauteile des zu dieser Zeit modernsten Jagdbombers der Welt, der strahlgetriebenen Ar 234 B, montiert werden. Die Nazis hofften, mit dieser „Wunderwaffe“ den längst verlorenen Krieg noch in letzter Minute wenden zu können. Das Werk erhielt den Tarnnamen „Freia GmbH“.

Tarnname "Freia GmbH" - Dokument v. 04.05.1944; BA

Tarnname „Freia GmbH“ – Dokument v. 04.05.1944; BA

Der Jagdbomber ARADO Ar 234B

Der Jagdbomber ARADO Ar 234B

 

Luftaufnahme der Freiberger Porzellanfabrik Kahla um 1930 - in diesen Werkhallen wurden ab 1943/44 Teile des Arado-Jagdbombers Ar 234B produziert

Luftaufnahme der Freiberger Porzellanfabrik Kahla um 1930 – in diesen Werkhallen wurden ab 1943/44 Teile des Arado-Jagdbombers Ar 234B produziert

Als Hilfsarbeitskräfte wurde frühzeitig der Einsatz jüdischer Häftlingsfrauen geplant. Das dafür dem ARADO Rüstungswerk zugeordnete Zwangsarbeitslager brachte die geplante „Endlösung der Judenfrage“ von Auschwitz nach Freiberg. Mit drei Transporten, am 31. August 1944, am 22. September 1944 und am 12. Oktober 1944, erreichten insgesamt 1.000 jüdische KZ-Häftlingsfrauen Freiberg. Die meisten von ihnen, vorwiegend Jüdinnen aus Polen und der damaligen Tschechoslowakei, aber auch aus anderen von Deutschland besetzten Gebieten und aus Deutschland selbst, waren über Ghettos in Theresienstadt, Lodz (Litzmannstadt), dem slowakischen Sered oder dem niederländischen Westerbork nach Auschwitz verschleppt worden. Als junge Frauen erscheinen sie der SS noch arbeitsfähig genug, um vor der auch für sie vorgesehenen Vernichtung noch für das Reich schuften zu können. Sie wurden für die Arbeit in Freiberg selektiert. Die meisten ihrer Familienangehörigen und Freunde, die mit ihnen nach Auschwitz deportiert worden waren, hatte die SS sofort in die Gaskammern getrieben. Aber auch die nach Freiberg verschleppten Jüdinnen waren zum Tode bestimmt. Hier gab es zwar keine Gaskammern. Das KZ Freiberg war ein Zwangsarbeitslager, kein Vernichtungsort. Das Ziel gegenüber den hier unmenschlich ausgebeuteten Mädchen und Frauen aber blieb: „Vernichtung durch Arbeit“. Das Lager wurde dem „KZ-Stammlager“ Flossenbürg zugeordnet.

Lisa Miková (Prag), 1944/45 Zwangsarbeiterin in der "Freia", 1996 in den einstigen Werkhallen der Fabrik

Lisa Miková (Prag), 1944/45 Zwangsarbeiterin in der „Freia“, 1996 in den einstigen Werkhallen der Fabrik

Der Einsatz der jüdischen Mädchen und Frauen wurde von dort aus verwaltet und „abgerechnet“. Da das Barackenlager nicht rechtzeitig fertig war, wurden sie zunächst in den oberen Etagen der Fabrikhallen der ehemaligen Porzellanfabrik einquartiert. Im Januar 1945 mussten sie in die inzwischen notdürftig hergerichteten, viel zu nassen und kalten Baracken am Freiberger Hammerberg (Schachtweg) umziehen.

"Forderungsnachweis" der KZ-Kommandantur Flossenbürg über den Häftlingseinsatz bei der Freia G.m.b.H. Freiberg - BA

„Forderungsnachweis“ der KZ-Kommandantur Flossenbürg über den Häftlingseinsatz bei der Freia G.m.b.H. Freiberg – BA

Fabrikgebäude der "Freia" - im Jahr 2013 abgerissen

Fabrikgebäude der „Freia“ – im Jahr 2013 abgerissen

 

 

Dort, wo die Baracken standen, befindet sich heute die Sporthalle des Berufsschulzentrums „Julius Weisbach“.

Bauzeichnung des Barackengeländes der Freia GmbH 1943 - Bauaktenarchiv FG

Bauzeichnung des Barackengeländes der Freia GmbH 1943 – Bauaktenarchiv FG

Schüler des BSZ "Julius Weisbach" gestalteten 2013 zusammen mit der Dresdner Künstlerin Stefanie Busch eine Gedenkwand im Schulfoyer - Foto E.S.Wolf

Schüler des BSZ „Julius Weisbach“ gestalteten 2013 zusammen mit der Dresdner Künstlerin Stefanie Busch eine Gedenkwand im Schulfoyer – Foto E.S.Wolf

Nachdem im Dezember strenger Frost einsetzte, waren die Frauen der Kälte völlig ungeschützt ausgeliefert, da sie meist nur dünne Fähnchen als Kleider, oft ohne Socken, in Auschwitz hingeworfen bekommen hatten. Vom „Judenlager“ der „Freia GmbH“ am Hammerberg hatten sie ab Januar einen täglichen Fußweg von je einer halben Stunde bis zum Werk an der Frauensteiner Straße zu überstehen. Das Lager selbst war kaum beheizt, an den Wänden floss das Wasser herunter oder gefror in der Kälte jenes Winters. Die Waschplätze befanden sich in einer gesonderten Baracke, einige sogar im Freien. Die Freiberger Zeitzeugin Leopoldine Wagner, die im Lager „Hemmschuh“ der Freia GmbH als Dolmetscherin für die italienischen Kriegsgefangenen dienstverpflichtet worden war, erinnerte sich: „Es brach einem das Herz, sie zu sehen: so dünn, kahl geschoren, bei 18 Grad Kälte ohne warme Kleidung, ohne Strümpfe, nur in Holzpantinen und mit blutig gescheuerten Füßen!“

 

Zeitzeugin Leopoldine Wagner

Zeitzeugin Leopoldine Wagner

Dienstausweis der Freia GmbH

Dienstausweis der Freia GmbH

 

 

 

 

 

 

 

Gerty Meltzer, geb. Taussig  (geb.1928 in Wien – verstorben 2015 in Scotsdale, Arizona, USA; Flossenbürg-Häftlingsnummer: 54370), erinnerte sich:

Gerty Meltzer

Gerty Meltzer

Als wir aus Auschwitz in Freiberg ankamen, glaubten wir zuerst, wir seien im Paradies. Eine freundliche Stadt mit normalen Leuten. Dann ging es zur Arbeit, um – wie der Unterscharführer uns sagte – dasjenige Flugzeug zu bauen, das Deutschland retten würde. Glücklicherweise war das nicht der Fall. Ich war an einem Flügel dieses besten Flugzeugs eingeteilt. Das Essen war zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben. Die Tage vergingen. Die Frauen aus der Slowakei, die erst später angekommen waren, tauschten täglich Rezepte aus…man nehme Schlagobers, Schokolade, Eier etc., etc. Immer: „Man nehme…“ Natürlich waren das alles Träume und wir wurden nur noch hungriger davon. Wir waren verlaust, hatten Wanzen in unseren Betten, Flöhe – alles Ungeziefer, das man sich nur denken kann. Wir hatten kein Toilettenpapier und ich zumindest habe mir immer ein Stück Futter aus dem Mantel gerissen und es als Klopapier verwendet. Die Meister, mit denen ich arbeitete, haben nicht mit mir gesprochen – als wäre ich ein Nichts. Bis heute kann ich nicht verstehen, dass wir mit Männern aus Freiberg gearbeitet haben, die nie mit uns sprachen, nur deuteten, was wir zu  tun hätten. In einem Fabrikraum war eine Waage. Thea und ich wogen uns dort oft und glaubten, wir hätten Schwindsucht, da wir täglich dünner wurden. Zu Weihnachten war in einem der Fabrikräume ein Piano und eine unserer Kameradinnen schlich sich dahin und spielte das LARGO. Noch heute weine ich, wenn ich es höre. Oft mussten wir bei Bombenalarm auf das Fabrikdach, wahrscheinlich damit uns die Bomben zuerst treffen. Ich aber dankte dem lieben Gott, dass täglich amerikanische Flugzeuge über uns hinweg flogen und uns die Hoffnung gaben, alles vielleicht doch zu überleben und einmal frei sein zu können.

Am 31. März 1945 wurde die Arbeit eingestellt. Die Frauen im Barackenlager blieben sich selbst überlassen. Essenrationen wurden gekürzt, schließlich erhielten sie kaum noch irgendeine Versorgung. Am 14. April 1945 wurden die Frauen unter dem Kommando von SS-Unterscharführer Richard Beck in der Nacht zum Bahnhof getrieben, trotz der nassen Kälte in offene Güterwaggons gepfercht und auf eine Irrfahrt geschickt, die 16 Tage andauerte.Abb. 17 In solche offenen Waggons

Ziel war zunächst offenbar das „Stamm-KZ“ Flossenbürg gewesen, das freilich wegen des Vormarsches der Amerikaner nicht mehr erreichbar war. In Horni Bříza, in der Nähe von Plzeň, sorgten tschechische Eisenbahner dafür, dass die Frauen wenigstens in geschlossene Waggons kamen. Unterwegs versuchten Tschechen immer wieder, den Frauen Lebensmittel zukommen zu lassen. Einigen Häftlingen gelang die Flucht. Am 29. April 1945 kam der Transport im KZ Mauthausen an. Die Zustände im KZ Mauthausen waren katastrophal. Nachdem die SS-Wachmannschaften am 3. Mai 1945 fluchtartig das Lager verlassen hatten, erreichten am 5. Mai 1945 zwei amerikanische Panzerspähwagen als Vorauskommando das Lager. Schließlich trafen die Truppen der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee am 7. Mai 1945 ein. Viele Häftlinge starben noch nach der Befreiung.

 

Befreiung im KZ Mauthausen - Frauen des Freiberger Transports (re. hinter dem GI mit Brille wahrscheinlich Gerty Meltzer, damals Taussig); Quelle: BMI A, Fotoarchiv KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Befreiung im KZ Mauthausen – Frauen des Freiberger Transports (re. hinter dem GI mit Brille wahrscheinlich Gerty Meltzer, damals Taussig); Quelle: BMI A, Fotoarchiv KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Literatur zum Lager „Freia GmbH“ Freiberg:

Michael Düsing (Hg. im CJD Chemnitz): Wir waren zum Tode bestimmt; Forum Verlag Leipzig 2002; ISBN 3-931801-27-6

Wir waren zum Tode bestimmt_Cover_ 2002

Rezension Adolf Diamant

 

Michael Düsing: Zwangsarbeit für den Endsieg; Art.HOUR Verlag Dresden 2015; ISBN 978-3-94047522-0Pressemitteilung jpg

 

 

 

„Wir waren zum Tode bestimmt“ (17,70 €) und „Zwangsarbeit für den Endsieg“ (8,60 €) sind erhältlich bei Geschichtswerkstatt Freiberg und im Taschenbuchladen Freiberg

 

 

 

 

 

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