„Agricola -GmbH“ in Oederan – Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg

1944 wurde in Oederan ein Zweigwerk der Deutschen Kühl- und Kraftmaschinen GmbH (DKK) Scharfenstein, eine Tochtergesellschaft der Auto Union AG, errichtet. Hier sollten 2-cm-Sprenggranaten für Flugzeugkanonen produziert werden. Die Arbeitskräfte kamen aus Auschwitz: 500 jüdische Mädchen und Frauen aus Polen, der damaligen Tschechoslowakei und anderen besetzten Staaten.

  1. Transport am 12.September 1944 mit 301 Frauen
  2. Transport am 9.Oktober 1944 mit 200 Frauen

Für dieses Zweigwerk wurde die ehemalige Nähfadenfabrik Kabis geräumt. Die Unterbringung der Frauen erfolgte in dem Färbereigebäude des Werkes. Eine geplante Erweiterung zur Produktion von Infanteriemunition im Textilwerk der Leineweberei Salzmann (angefordert waren hierfür 870 Frauen) kam nicht mehr zustande.

Gedenktafel am Fabrikgebäude - heute Fa. Altafil Nähfaden GmbH

Gedenktafel am Fabrikgebäude – heute Fa. Altafil Nähfaden GmbH

Die Frauen wurden zunächst zu schweren Erdarbeiten eingesetzt, da der Ausbau der Fertigungsstätten nicht rechtzeitig beendet werden konnte. In der Festschrift zur 750-Jahr-Feier Oederans (1977) war zu lesen: Eines Nachts wurden auf dem Oederaner Güterbahnhof etwa 500 Frauen und Mädchen im Alter von 16 – 60 Jahren aus Ungarn, England, Polen und CSR ausgeladen und zu dem Lager, das Januar/Februar 1944 in der Färberei des Betriebes von Nazi-Kabis eingerichtet worden war, getrieben. Während des Krieges produzierte das Werk Granaten, wozu die Häftlinge eingesetzt wurden. Sie besaßen keinen Strumpf, nur dünne Kleider und Holzschuhe, keine Nadel und dergleichen. Trotz der kalten Jahreszeit war das Lager ungeheizt. Jeden Morgen war Appell, wobei die Frauen bei Wind und Wetter eine halbe Stunde stehen mussten. Alle vier Wochen erhielten sie einige Gramm Zucker in die Hand, da sie keinen Löffel besaßen. Begegneten sie unterwegs Aufseherinnen, so mussten sie strammstehen, dabei schlugen die Nazis ihnen den Zucker meist aus der Hand. Am übelsten setzten der Betriebsleiter…und die ‚Oberin‘ den Frauen zu. Infolge der vielen Leiden und Qualen, die diese Häftlinge erlitten, kam es vor, dass manche während der Arbeitszeit ohnmächtig wurden; ihnen durfte jedoch keine Hilfe gewährt werden. Drei ungarische Frauen, die während der Haftzeit verstarben, sind damals namenlos ohne Sarg in einer Ecke des Oederaner Friedhofs verscharrt worden.

Neu gestaltete Grabstätte für drei im Oederaner Lager gestorbene Zwangsarbeiterinnen

Neu gestaltete Grabstätte für drei im Oederaner Lager gestorbene Zwangsarbeiterinnen

Obwohl es streng verboten war, mit den Frauen zu sprechen, gab es Oederaner, die den Häftlingen ihr Schicksal etwas zu erleichtern versuchten. Sie gaben ihnen Strümpfe und Unterwäsche, mal einen Apfel oder ein Stück Brot. Am 20. April 1945 wurde das Oederaner Lager wegen des Heranrückens der Roten Armee aufgelöst und die Frauen Richtung Theresienstadt geschafft.

Anders als damals angegeben, kamen rund 42% der jüdischen Häftlingsfrauen aus Polen, rd. 28% aus der Tschechoslowakei, knapp 19% aus Ungarn, weitere aus den Niederlanden, Deutschland, der Slowakei und Russland, nicht aber aus England.

Befreit wurden die Oederaner Frauen am 8. bzw. 9. Mai 1945 durch Einheiten der Roten Armee, deren Vorhut am Abend des 7. Mai 1945 eintraf.

1998 traf die Projektgruppe „Shalom“ der Geschichtswerkstatt Freiberg Überlebende des Oederaner Lagers in Israel, unter ihnen Miriam Werebejczyk und Sara Honigmann.

Miriam Werebejzyk (li.) und Sara Honigmann während des Treffens in Haifa/Israel im Dezember 2008

Miriam Werebejzyk (li.) und Sara Honigmann während des Treffens in Haifa/Israel im Dezember 1998

Miriam Werebejczyk (geb. Maryla Sztajer) war 1927 als jüngstes von fünf Kindern in Lodz geboren worden. Drei ihrer Geschwister, ihre Mutter und ihr Vater überlebten den Holocaust nicht. Miriam Werebejczyk lebte nach dem Krieg wieder in Polen, emigrierte aber 1957 nach Israel.
Sara Honigmann (geb. Inka Waner) war ebenfalls 1927 in Lodz geboren worden. Im August 1944 wurde sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz deportiert. Beide leben heute in Israel.

Miriam Werebejczyk erinnerte sich: „Hana war sehr schön. Sie hatte das Glück gehabt, dass ihr in Auschwitz das Haar nicht kahl rasiert sondern nur kurz geschoren worden war. Wenn einem Mädchen ganz kurzes, aber doch etwas Haar am Kopf blieb, war sie eine schöne Ausnahme unter den kahlen Affen. So ging es Hana, und die Männer in der Fabrik registrierten es sofort. Als das die Oberaufseherin bemerkte, kam sie sofort und wollte sie ‚hässlich‘ machen. Sie scherte Hanas Augenwimpern, rasierte die Augenbrauen ab und verletzte dabei Hanas Gesicht schwer. Sie wollte ihr auch den Kopf kahl scheren, aber die russische Ärztin die dabei war, setzte sich für Hana ein. So blieb ihr wenigstens da kurz geschorene Haar.
Sara Honigmann über ihre Errettung in Oederan: „Ich war erst 17 Jahre alt. Die Munitionsarbeiter jedoch mussten mindestens 18 sein. Wäre mein Alter bekannt geworden, hätte man mich zurück nach Auschwitz geschickt – in den sicheren Tod. Auch für meine Mutter wäre das das Todesurteil gewesen. Eine Aufseherin aber erwiderte auf meine ehrliche Antwort, dass ich 17 bin: „Nein, du bist 18.“ – So haben wir beide überlebt.

Im September 2000 besuchten 33 Überlebende der Lager Freiberg und Oederan auf Einladung der Geschichtswerkstatt des CJD die beiden Städte wieder, darunter 9 Frauen aus Israel und Polen, die im Lager Oederan gewesen waren.

September 2000: Neun Holocaust-Überlebende des Lagers Oederan aus Israel und Polen am Eingang zum Fabrikgebäude der "Agricola GmbH" (ehem. Fa. Kabis)

September 2000: Neun Holocaust-Überlebende des Lagers Oederan aus Israel am Eingang zum Fabrikgebäude der „Agricola GmbH“ (ehem. Fa. Kabis)

Myriam Werebejzyk spricht vor der Gedenktafel am Fabrikgebäude des Oederaner Lagers (heute Fa. Alterfil)

Myriam Werebejzyk spricht vor der Gedenktafel am Fabrikgebäude des Oederaner Lagers (heute Fa. Alterfil Nähfaden GmbH)

 

 

 

 

 

 

 

 

Grete Salus 1946

Grete Salus 1946

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Abb. auf dem Cover: Straßenleben in Theresienstadt, Zeichnung von Otto Ungar, 1943

Grete Salus, geboren am 20. Juni 1910 in Böhmisch-Trübau als Grete Gronner. Sie studierte in Dresden und leitete bereits mit 18 eine Tanzschule in Teplitz-Schönau. Besonders stark engagierte sich Grete Salus für den Ausdruckstanz. 1934 heiratete sie den Prager Arzt Dr. Fritz Salus. Mit dem Einmarsch der Nazis in Prag plante das Paar die Ausreise nach Indien. Dieses misslang allerdings. 1942 wurden beide nach Theresienstadt deportiert. 1944 kamen sie in das Vernichtungslager Auschwitz. Fritz Salus wurde wahrscheinlich schon auf der Rampe „selektiert“ und anschließend im Alter von nur 48 Jahren ermordet. Von Auschwitz wurde Grete Salus zur Zwangsarbeit nach Oederan deportiert. Der Weg der Häftlingsfrauen vom Bahnhof zum Rüstungsbetrieb führte mitten durch Oederan. Niemand kümmerte sich um die Kolonnen der ausgezehrten Frauen. Aber in dem Betrieb selbst gab es manchen einfachen Arbeiter, der ihnen heimlich Essen zusteckte. „Was bedeutete es, wenn die Brotration wieder einmal gekürzt wurde?“, schrieb Grete Salus in ihrem Erinnerungsbericht „Niemand, nichts – ein Jude. Theresienstadt, Auschwitz, Oederan“ – einem der ersten Berichte seiner Art nach dem Krieg. „Brot war etwas unvorstellbar Köstliches. Es wurde direkt ein Kult damit getrieben. Da gab es gesuchte Brotschneiderinnen, die das Brot in so hauchdünne Scheiben schnitten, dass man die Illusion hatte, einen ganzen haufen vor sich zu haben und theoretisch die schönsten Einteilungen treffen konnte, bei der Verteilung gab es endlose Debatten, ob ein Eckstück besser als ein Mittelstück sei. Dann verglich man, fand immer, dass man betrogen worden war. Es wurden die fantastischsten Waagen aus Pappdeckeln fabriziert und die Besitzerinnen wanderten dann von Zimmer zu Zimmer und fällten ihr Urteil…Wenn uns ein Arbeiter in der Fabrik etwas zu essen geben wollte, so geschah das unter den größten Vorsichtsmaßregeln und war immer tragikomisch in seiner Auswirkung. Vor allem durfte es der andere Arbeiter nicht sehen – mit dem ihn sonst Freundschaft verband -, die Aufseherinnen mussten irgendwie abgelenkt werden…“

Als Grete Salus befreit wurde, war sie schwer krank. In Prag lernte sie 1945 einen Leidensgefährten kennen: Francis Lanzer. Auch er war ein KZ-Überlebender. Aus ihrer Verbindung ging eine Tochter hervor: Nomi. Doch die Eltern blieben nicht zusammen. Die Last der Vergangenheit bestimmte und bedrückte die Beziehung zu stark. Francis starb 1956 in Israel. Der einzige Überlebende ihrer Familie war neben Grete Salus ihr Bruder Alfred Gronner, der rechzeitig nach Palästina gegangen war. Er holte Grete mit ihrer Tochter 1948 nach. In Israel gab Grete Tanzunterricht in dem Kinder- und Jugenddorf „Hadassim“, das sich um elternlose Kinder kümmert. Anfangs waren die vor allem Waisen, die ihre Eltern durch den Holocaust verloren hatten.

1958 wurden die Erinnerungen von Grete Salus erstmals unter dem Titel „Eine Frau erzählt“ veröffentlicht. Zu der Veröffentlichung gab es viele Leserbriefe. Eine Frau schrieb: „Du hast viel mitgemacht, aber höre, was ich beim Einmarsch der Russen mitgemacht habe.“ Grete antwortete im Vorwort der Neuauflage: „Hier liegt das große Missverständnis, wir führten keinen Krieg. Wir waren ja nur Juden, ausgeliefert diesem tödlichen Hassgedanken einer unfassbaren Ideologie. Diese machte uns zur verächtlichen Rasse, die unbedingt vernichtet werden musste.

Ein Engel war nicht dortDas Buch von Grete Salus konnte dank der Initiative von vier Dresdnern im Jahr 2005 nochmals erscheinen und damit erstmals im Osten Deutschlands. Der Originaltext wurde mit Angaben über das weitere Leben von Grete Salus und ihrer Familie ergänzt. Die Buchpremiere fand 2005 am Tag des Offenen Denkmals in dem ehemaligen Schlafsaal der Häftlinge im Arbeitslager Oederan statt. (Forum Verlag Leipzig: Grete Salus, Ein Engel war nicht dort – ein Leben wider den Schatten von Auschwitz; ISBN 3-931801-52-7) Schüler des Freiberger Geschwister-Scholl-Gymnasiums boten hierzu eine beeindruckende Tanzperformance, die sie im Rahmen eines Theaterprojektes zu Grete Salus entwickelt hatten. Der unmittelbare Eindruck des originalen Raumes wurde durch eine Führung durch Mitwirkende der Geschichtswerkstatt Freiberg (damals CJD)durch das Betriebsgelände der früheren Agricola-GmbH noch verstärkt.

 

 

Eine exakte Tabelle der Häftlingsdaten und umfangreiche Angaben zur Geschichte des Lagers finden sich bei: Pascal Cziborra: KZ Oederan. Verlorene Jugend; Bielefeld 2008; ISBN 978-3-938969-06-9

 

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