Jüdische Familien und Personen S bis Z


Sieradzki, Isidor und Minna, geb. Krongold

Familie Sieradzki: v.li.: Margarete, ihr Verlobter Erwin Wallerstein, Rosi, Vater Isidor, Mutter Minna, Hans

Familie Sieradzki: v.li.: Margarete, ihr Verlobter Erwin Wallerstein, Rosi, Vater Isidor, Mutter Minna, Hans

Isidor Sainvel Sieradzki wurde am 27. Juni 1884 in Petrikov, Gouvernement Minsk, geboren und galt den Nazis als „Ostjude“ von Anfang an als besonders unerträglich. Seine Ehefrau Minna war 1886 in Krakau geboren worden. Sie hatten sich in Leipzig kennengelernt, wo Minna mit ihren Eltern wohnte und er oft die Leipziger Messe besuchte. Ihre Eltern sind auf dem Jüdischen Friedhof in Leipzig begraben. 1909 eröffnete er in der Burgstraße 24B sein „Zigarren- und Zigarettengeschäft“. Die Familie, zu der bald die 1910 in Freiberg geborene Tochter Margarete, die vier Jahre jüngere Rosi und der 1916 geborene Sohn Hans gehörten, hatte bis 1933 in der Donatsgasse gewohnt.
Isidor Sieradzki war der erste Freiberger Jude, dessen Geschäft gleich zu Beginn der Nazizeit 1933 in den Ruin getrieben worden war. Er musste den Laden schließen. Die Familie suchte sich eine kleinere, preiswerte Wohnung im 3. Stock der „Goldenen 24“ in der Burgstraße, die dem Kaufmann Ludwig Weinberg gehörte. Am 6. August 1933 vergaß die Familie noch einmal für kurze Zeit die übermächtig werdenden Existenzsorgen. Tochter Margarete heiratete den Chemie-Ingenieur Erwin Wallerstein, der kurz zuvor, im April 1933, am Braunkohlenforschungsinstitut der Bergakademie als Jude entlassen worden war. Im gleichen Monat hatte auch Ehefrau Margarete (Gretel) ihre Kündigung als Privatsekretärin in der Sächsischen Knappschaftskasse (Buchstraße) erhalten. Für beide stand damit schon 1933 fest, dass ihnen nur die Flucht nach Palästina als Ausweg blieb. Rosi, die zweite Tochter, wurde ebenso von ihrem Arbeitsplatz als Gerbereilaborantin in der Deutschen Gerberschule vertrieben. Sie bereitete sich bis 1935 auf einem Gut in Spreenhagen bei Berlin in einem Kurs für Haushalt und Landwirtschaft auf die Emigration nach Palästina vor. Nicht anders erging es ihrem Bruder. Auch er wurde wie sie an der Gerberschule im April 1933 gekündigt, nachdem er dort kurz zuvor noch seine Gesellenprüfung hatte ablegen können. Im „Hachscharach-Kibbuz“ bei Leipzig, in dem junge auswanderungswillige Juden auf ein späteres Leben in Palästina vorbereitet wurden, lernte er Erich Springer, den späteren Mann seiner Schwester Rosi, kennen. Er wanderte 1936 nach Palästina aus.

Angestellte und Schüler der Deutschen Gerberschule, vorn 2.v.re.: Rosi Sieradzki

Angestellte und Schüler der Deutschen Gerberschule, vorn 2.v.re.: Rosi Sieradzki

Mai 1930: im Labor mit Oberstudienrat Appelius, Rosi Sieradzki vo. re.

Mai 1930: im Labor mit Oberstudienrat Appelius, Rosi Sieradzki vo. re.

Kinderaufführung im Deutschen Turnverein. 1. R., 3.v.li: Rosi, 2.von re: Schwester Grete

Kinderaufführung im Deutschen Turnverein. 1. R., 3.v.li: Rosi, 2.von re: Schwester Grete

Erich Springer in der Uniform der Küstenwache mit Ehefrau Rosi, Palästina, 1940er Jahre

Erich Springer in der Uniform der Küstenwache mit Ehefrau Rosi, Palästina, 1940er Jahre

 

 

 

 

 

 

 

„Ich kann Ihnen alles noch ganz genau erzählen“, erinnerte sich Rosi Springer, geb. Sieradzki, als sie im Sommer 1992 ihre Geburtsstadt Freiberg wieder besuchte. Sie kam zum ersten Mal wieder hierher, nachdem sie 1935 von den Nazis aus ihrer Heimatstadt vertrieben worden war. Der ,,Freiberger Anzeiger“ berichtete in Nummer 27/1992 über ihre Erinnerungen: „’Durch die Straße dort hat mich der Verehrer meiner Freundin vom Labor nach Hause begleitet – sogar in SS-Uniform…’. Im engeren Bekanntenkreis sei das durchaus möglich gewesen, überhaupt habe sie, Rosi Sieradzki, von Kollegen und Bekannten keine persönlichen Anfeindungen zu spüren bekommen. ,Unter meinen Wandervögeln in der Jugendgruppe des Erzgebirgsvereins wurde ich bis zu meinem freiwilligen Austritt als gleichwertiges Mitglied behandelt, obwohl ja jeder wusste, dass wir Juden sind. Ich bin dann raus, weil ich selbst die Zeit für gekommen sah. Und wer sich von mir oder meinen Angehörigen trennte, tat es wohl in Anpassung an die Mächtigen, aus Gehorsam, aus Angst . . . ?‘ So erinnert sich Rosi Springer noch genau an den Tag an dem sie in der Gerberschule erfuhr: ,Das tut uns wirklich sehr leid, Fräulein Sieradzki, aber wir haben vom Rathaus die Nachricht bekommen, dass wir sie entlassen müssen.´…Jeder von uns musste aufgeben, was er hier hatte. Meine Schwester reiste bereits ’33 nach Palästina aus; ich bin 1935 weg’“.
Im Vorbereitungsjahr auf dem schon 1926 von Simon Schocken für junge auswanderungswillige Juden (vor allem des Schocken-Konzerns) begründeten landwirtschaftlichen Gut Winkel bei Spreenhagen „hatte ich eine Land- und Hauswirtschaftsausbildung. Ohne den Nachweis, dass ich selbst für mich sorgen kann, wäre ein Auswandern nämlich nicht möglich gewesen. Palästina, bis 1948 britisches Mandatsgebiet, verlangte das so. Auch musste meine vorausgereiste Schwester garantieren, dass ich zunächst bei ihr wohne und versorgt bin.“ Die Ausreise selbst bezeichnete Rosi Springer als ziemlich unkompliziert. „Unsere Eltern konnten wir dann anfordern, nachdem nachgewiesen war, dass wir in Palästina eine Existenz haben. Für mich hieß diese Existenz Babypflege, Kochen, Hauswirtschaftsdienst . . . an drei verschiedenen Stellen war ich am Tag. Was man macht, war mir gleichgültig. Ich habe zunächst jede Arbeit angenommen. Ein eigenes Zimmer konnte ich mir dort noch nicht leisten, ich schlief bei meiner Schwester auf dem Fußboden, denn beengt ging’s bei ihr zu.“ Hans Sieradzki verstarb 1979; Margarete Wallerstein 1982, Rosi Springer 1998 – alle in Israel.

Morgenappell im Gut Winkel, ca. 1938

Morgenappell im Gut Winkel, ca. 1938

1992: Besuch von Rosi Springer-Sieradzki in Freiberg

1992: Besuch von Rosi Springer-Sieradzki in Freiberg

1992: Freibergs Oberbürgermeister Konrad Heinze empfängt Rosi Springer

1992: Freibergs Oberbürgermeister Konrad Heinze empfängt Rosi Springer

1992: Rosi Springer erinnert sich...

1992: Rosi Springer erinnert sich…

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkung: Das in der Mark Brandenburg bei Spreenhagen gelegene Gut Winkel war ein sog. Hachscharah-Gut, in dem junge Juden, die nach Palästina auswandern wollten, eine landwirtschaftlich – gärtnerische und viehwirtschaftliche Ausbildung erhielten. Bereits 1926 von dem 1929 tödlich verunglückten Simon Schocken gegründet, erwarben hier bis zum Auswanderungsverbot durch die Nazis rund 1.000 junge Juden handwerklich-landwirtschaftliche Fähigkeiten. Jeder der ausreisewilligen jüdischen Angestellten des Schocken-Konzerns erhielt übrigens vom Konzern die Reisekosten und die finanzielle Grundausstattung für den Neubeginn im Ausland ersetzt.

Die Erinnerungen von Rosi Sieradzki: Mein Freiberg, ich bin wieder in Freiberg! sind abgedruckt in:
Michael Düsing: Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan, Freiberg 1995, S.35-93
erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Freiberg (Schutzgebühr 5 €)


Speisebecher, Fritz

In der Kesselgasse 2 hatte der Rechtsanwalt und Notar Fritz Speisebecher Kanzlei und Wohnung. Er hatte mit seiner (nichtjüdischen) Frau Charlotte zwei in Freiberg geborene Töchter, Eva und Ilse. Die Familie Speisebecher gehörte bis in die zwanziger Jahre hinein zu den sehr angesehenen Freiberger Familien. Sie war eng mit der Familie des Oberingenieurs und Bauunternehmers Albert Henochsberg befreundet. Jener hatte in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg als Ingenieur und Betriebsleiter beim städtischen Wasserwerk Freiberg gearbeitet und war, noch vor dem 1. Weltkrieg, Mitinhaber der Baufirma August Löffler GmbH geworden. Wie Albert Henochsberg war auch Fritz Speisebecher der jüdischen Tradition vollständig entfremdet. Beide verheiratet mit einer nichtjüdischen Ehefrau, lebten sie christlich – konservativ, waren hoch gebildet und bekannten sich zu deutscher Tradition, Kultur und Geschichte.

„Ich weiß nicht, inwieweit ich Ihnen gesagt habe, wie meine Mutter ängstlich vermieden hat, im 3. Reich den Schatten eines Judentums auf unseren so jüdischen Namen Speisebecher fallen zu lassen und immer auf ihren christlich lebenden Mann hinwies, der Kirchenvorsteher war und leider – oder glücklicherweise – 1927 gestorben ist“, schrieb Ilse Spiro, geb. Speisebecher, 1994 an den Autor. „Eva hat im Krieg erlebt, was es hieß, mit einem Engländer in Berlin verheiratet zu sein. Von 41 – 45 ging’s ’nur‘ mit wöchentlichem Melden auf dem Polizeirevier, zeitweise Internierung des Mannes, Schwerstarbeit bei Siemens usw. Ende 44 verließ sie heimlich, nach einem Fliegerangriff, Berlin und kam nach Freiberg, wo sie zunächst erstmal die Wohnung nicht verließ, dann aber von jemandem dort angezeigt wurde, 10 Wohnungen im Haus, da konnte nicht alles verborgen bleiben, und dann Überstellung zur Gestapo in die Dresdner Schießgasse. Von dort kam sie am 11.2. zurück nach Freiberg, weil hier vor dem Sondergericht Verhandlung sein sollte. Der Termin hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet, in der Schießgasse sind beim 2. Angriff am 13.2.45 die meisten Häftlinge umgekommen. Der Grund der Inhaftierung war: Verweigerung einer Ausländerin, in der Rüstung zu arbeiten. Nach den Gesetzen der Genfer Konvention durften diese Personen nicht gezwungen werden. So stand es in den Gesetzen. Warum Eva so dickköpfig war, kann sie heute nicht mehr erklären. Aber sie sagt jetzt: ‚Wenn die gewusst hätten, dass unser verstorbener Vater jüdisch war, wäre ich auf den Transport gekommen‘

Ausflug in die Sächsische Schweiz: v.li.: Ehepaar Speisebecher, Ehepaar Richter (Fabrikant, Fa. Thiele und Steinert), Ehepaar A. Henochsberg (Obering.)

Ausflug in die Sächsische Schweiz: v.li.: Ehepaar Speisebecher, Ehepaar Richter (Fabrikant, Fa. Thiele und Steinert), Ehepaar A. Henochsberg (Obering.)

. Die Angst und die innerliche Befreiung durch das Ende des 3. Reiches sitzen bei ihr fest… Sie ist nicht der Typ, der es erträgt, dass mit dem Finger auf sie gedeutet wird. Im Gegensatz zu mir. Aber unsere Lebensgeschichten liefen sehr auseinander, eigentlich haben wir uns erst jetzt im Alter innerlich wieder gefunden. Eva befürchtet ein erneutes Aufkommen der Rechten. Ich auch, aber im Gegensatz zu ihr, habe ich keine Angst, ich versuche, mit meinen bescheidenen Kräften zu Diskussionen zu gehen und mit Jugendlichen Kontakt zu bekommen. Mehr als nur ein Hakenkreuz an die Tür gemalt zu bekommen, wird nicht passieren. Und ich bin bis zum Ende stolz, mit Spiro verheiratet gewesen zu sein, diesen Namen zu tragen…“.

Beide Schwestern sind inzwischen verstorben.


Geschwister Steinberg

„Geschwister Steinberg“ – Laden für „Scheiderinnen und Hausbedarf“ Burgstraße 3 „Im Stadthaus I“ (heute 5)

Steinberg, Louisa, geb. 1856,
Inhaberin des Kurz- und Weißwarengeschäfts; ab 1900 Inh. Samuel Rosenthal

Rosalie Winter, geb. Steinberg, 06.12.1860 in Pasewalk
verheiratet seit 1886 mit Samuel Winter, geb. 1856, Kaufmann; Mutter von Gerhard Winter, 18.07.1887 Freiberg; Gerhard Winter ermordet in Auschwitz 1943

Fanny Steinberg, geb. 1861, keine weiteren Informationen

Flora Spiro, geb. Steinberg, geb. 1865
Ehemann: Hermann Hirsch Spiro
Tochter: Erna Kisch, geb. Spiro, 1891 – ermordet 1942
Schwägerin (Schwester v. Hermann Hirsch Spiro): Rosalie Saphra, geb. Spiro, geb. 09.10.1851 – gestorben am 31.08.1928 in Freiberg (Grab Neuer Israel. Friedhof Dresden)

Gertrud Steinberg, geb. 1869, keine weiteren Informationen

Geschäftsanzeige, Freiberger Anzeiger 4. April 1890

Geschäftsanzeige, Freiberger Anzeiger 4. April 1890

Inserat Freiberger Anzeiger Nr. 34 (1892)

Inserat Freiberger Anzeiger Nr. 34 (1892)


 

 

 

 

 


Taubenschlag, Meyer und Fanny, geb. Rothenberg

Die Familien Taubenschlag und Wolff gehörten zu den angesehenen Freiberger Fabrikantenfamilien. Ihr Ursprung geht zurück auf das galizische Tarnau (Tarnów), in Südostpolen gelegen und bis 1918 zu Österreich gehörend. Von den sieben Geschwistern von Salomon und Frimet Taubenschlag führt die Spur eines Sohnes über Dresden nach Freiberg. Meyer Taubenschlag wurde 1855 in Jastrow/Westpreußen geboren. Er heiratete dort 1883 Fanny Rothenberg (ebenda geboren 1859) und zog 1886 nach Freiberg. Er kaufte er bald die Villa in der Weisbachstraße 23. 1886 bis 1901 wird Meyer Taubenschlags „Schnittwaren- und Bettfederhandlung“ in der Enge Gasse 2 genannt, ab 1901 bis 1905 eine „Manufaktur für Kurz-, Weißwaren und Wirtschaftsartikel“ in der Borngasse 6, ab 1902 bis 1911 schließlich die Fabrikation von Holzartikeln in der „Gardinenleistenfabrik M. S. Taubenschlag“ in der Borngasse 11, die später (lt. Adressbuch ab 1905) ihr Domizil in der Frauensteiner Straße 13 (Eingang: Schmiedestraße) fand. Die Taubenschlags hatten acht Kinder, fünf Söhne und drei Mädchen. 1911 starb Meyer Taubenschlag; seine Frau Fanny folgte ihm 1912. Beide haben ihre letzte Ruhestätte bis heute auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden.

Heimatschein für Meyer Taubenschlag, ausgestellt 1886 in Tarnów

Heimatschein für Meyer Taubenschlag, ausgestellt 1886 in Tarnów; n.v. Stadtarchiv Freiberg

Geschäftsanzeige im Freiberger Anzeiger am 22. März 1890

Geschäftsanzeige im Freiberger Anzeiger am 22. März 1890

Grabstein für Meyer und Fanny Taubenschlag auf dem Neuen Isr. Friedhof Dresden, NTR 18/14

Grabstein für Meyer und Fanny Taubenschlag auf dem Neuen Isr. Friedhof Dresden, NTR 18/14

Denkmal für die Gefallenen der Dresdner Jüd. Gemeinde im 1. Wk. mit den Namen von Selmar und Erhardt Taubenschlag

Denkmal für die Gefallenen der Dresdner Jüd. Gemeinde im 1. Wk. mit den Namen von Selmar und Erhardt Taubenschlag

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Firma fiel durch Erbschaft an die Kinder Selmar, Meta Sophie und Frieda. Zwei Söhne, Selmar und Erhardt, fielen als Soldaten im I. Weltkrieg.
Die älteste Tochter Paula, 1886 in Johannisburg in Ostpreußen geboren, arbeitete als Damenschneiderin in der Borngasse 6, einem Haus, das den Taubenschlags bis 1921 gehörte. Am 12. Dezember 1910 heiratete sie in Freiberg den Breslauer Kaufmann Max Brück. Bis dahin mit in der Weisbachstraße 23 wohnend, zog sie mit ihrem Ehemann in dessen Heimatstadt. In Breslau arbeitete sie im Geschäft ihres Mannes mit und führte es seit der Zeit des I. Weltkrieges allein, da Max Brück seinen Kriegsdienst an der Front leistete und danach als Folge dieses Kriegseinsatzes schwer leidend war. Sie muss sehr erfolgreich gewesen sein, denn überliefert ist, dass sie in Breslau eine hoch angesehene, wohlhabende und als tüchtig bekannte Persönlichkeit war. Das Ehepaar hatte drei Söhne, Herbert, Günther und Werner.

Familie Max und Paula Brück mit den Söhnen Herbert, Günther und Werner

Familie Max und Paula Brück mit den Söhnen Herbert, Günther und Werner

Max Brück verstarb schon 1926 in Breslau. Paula Brück wurde nun zur Alleininhaberin der „Textil- und Manufactur-Großhandlung Max Brück“. Die Witwe und ihre Söhne gerieten, wie alle Juden, nach der Machtergreifung der Nazis in dramatische Notlage. Paula Brück richtete in zwei Zimmern ihrer Wohnung in der Breslauer Wallstraße eine Kleiderfabrikation ein und konnte dabei auf ihre, in der Jugend erworbenen Fähigkeiten als qualifizierte Zuschneiderin zurückgreifen.  Da die Geschäfte durch den Judenboykott immer schlechter liefen, zog sie mit ihren Söhnen in eine kleinere Wohnung und übernahm die schlesische Generalvertretung der sächsischen Korsett- und Leibbindenfabrik Herbert Karbe in Freiberg, zu dem sie weiter engste Beziehungen unterhielt. Schließlich wurde auch diese Erwerbsmöglichkeit durch die Nazis unterbunden.

Zur „Reichskristallnacht“ am 9. November 1939 wurde die Wohnung der Familie Brück durch SA-Schläger schrecklich verwüstet. Alle Wertgegenstände, Kristall, Porzellan oder wertvolle Ölgemälde wurden zerstört oder geraubt. Sohn Herbert wurde in das KZ Dachau geworfen, konnte aber nach seiner Entlassung 1939 nach England entkommen. Seinen Brüdern Günther und Werner war bereits 1938, vor dem Novemberpogrom, die Flucht nach Südamerika gelungen. Ihre verzweifelten Versuche, auch ihre Mutter zu retten, scheiterten. Paula Brück blieb allein zurück. Im November 1941 wurde Paula Brück, zusammen mit weiteren Breslauer Juden, in ein Ghetto in der Nähe von Breslau, im Örtchen Riebnig (heute Rybna), Post Stoberau, verschleppt. Es diente als Sammellager für Juden aus Breslau und Umgebung vor der Deportation nach Auschwitz. Die letzte Nachricht von Paula Brück stammt vom 24. Januar 1942. Es ist ein Brief aus dem Ghetto Riebnig an Berliner Bekannte. Er gehört zu den erschütterndsten Dokumenten, die im Zusammenhang mit den Recherchen nach dem Schicksal Freiberger Juden bekannt geworden sind. Paula Brück sie schrieb darin: „Von meiner Schwester Meta nebst Mann (Meta Wolff, geb. Taubenschlag und Abraham Georg Wolff) erhielt ich soeben einen sehr kurzen aber bedeutungsvollen Brief, worin sie sich von mir verabschieden um aus dem Leben zu scheiden…Ich hoffe ja immer noch, daß sie vielleicht doch nicht zur Verwirklichung der schrecklichen Tat gekommen sind.“
Als Paula Brück diesen Brief verfasste, war Abraham Wolff bereits einen Tag tot. Seine Frau Meta, Paulas Schwester, starb am 25. Januar. Sie hatten sich das Leben genommen, da sie zwei Tage zuvor den Befehl zum „Transport in den Osten“ erhalten hatten. Auch Paulas Hoffnung, „dass ich diese schwere Zeit überstehen werde“, erfüllte sich nicht. Irgendwann in den nächsten Wochen oder Monaten, sehr wahrscheinlich noch im Jahr 1942, gehörte sie zu den nach Auschwitz Deportierten, die nie wiederkamen.
Steven Bruck, Sohn von Herbert Brück, schrieb im Sommer 2010 an die Geschichtswerkstatt Freiberg: „Ihre drei Söhne liebten Großmutter Paula mit einer bemerkenswerten Hingabe, die für uns Beispiel gebend und dauerhaft war. Großmutter wurde mir als eine wundervolle und aufopferungsvolle Mutter beschrieben. Und es ist für uns alle ein großer Verlust, dass wir sie nie kennenlernen konnten. Die drei Brüder, die während des Krieges nie die Hoffnung aufgaben, dass ihre Mutter überlebt, waren nach dem Kriegsende am Boden zerstört, als sie von ihrem Tod in Auschwitz erfahren mussten. Das gleiche Schicksal hatte die Mutter meiner Mutter ereilt…Ich bin sehr dankbar, von den Plänen zu erfahren, am 28. September 2010 mit einem Stolperstein auch an Paula Taubenschlag, unsere Großmutter, zu erinnern.“

Reisepass für Herbert Brück, der 1939 nach England fliehen konnte

Reisepass für Herbert Brück, der 1939 nach England fliehen konnte

Testimonial für Paula Brück

Testimonial für Paula Brück

Stolpersteinverlegung am 28.September 2010: die aus München, London und Brigthon angereisten Taubenschlag/Wolff-Enkel sprechen das Kaddisch (jüd. Totengebet)

Stolpersteinverlegung am 28.September 2010: die aus München, London und Brigthon angereisten Taubenschlag/Wolff-Enkel sprechen das Kaddisch (jüd. Totengebet) -Foto E. Mildner

Brief vom 24. Januar 1942, den Paula Brück, geb. Taubenschlag in höchster Sorge um ihre Schwester Meta und deren Mann Georg schrieb

Brief vom 24. Januar 1942, den Paula Brück, geb. Taubenschlag in höchster Sorge um ihre Schwester Meta und deren Mann Georg schrieb

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frieda Taubenschlag, geboren 1890 in Freiberg, heiratete am 10. April 1919 den Kaufmann Harry Brodziak in Freiberg. Sie konnten 1939 nach Bolivien fliehen. Dort starb 1942 ihr Ehemann. Frieda Brodziak emigrierte später in die USA.
Walter Taubenschlag, 1895 in Freiberg geboren, erlernte ebenfalls den Beruf eines Kaufmanns und war aktiver Frontsoldat im 1. Weltkrieg. 1919 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. 1923 zog er nach Breslau. Er war mit Henny Memisohn (1903 in Breslau geboren) verheiratet. 1929 wurde dort ihre Tochter Steffi geboren. Die Familie floh im Juni 1939 nach Schanghai/China.
Die zweitälteste Taubenschlag-Tochter, Meta Sophie, geboren 1887 in Freiberg, heiratete am 28. Dezember 1913 den Bonner Kunstantiquar und Buchhändler Abraham Georg Wolff in Freiberg.

Mehr zu Familie Meyer Taubenschlag in: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933-1945. Dresden 2011 (vergriffen; auf Anfrage noch als PDF erhältlich über Geschichtswerkstatt Freiberg)


Wangenheim, Nathan und Leonore, geb. Boas

Leonore und Nathan Wangenheim

Leonore und Nathan Wangenheim

Nathan Wangenheim, geb. 09.06.1862 Pasewalk – verst. 24.08.1939 in Palästina
Leonore Wangenheim, geb. Boas, 05.10.1863 Grätz – verst. 1942 in Palästina
Kinder:
Guido, geb. 01.06.1891 Freiberg – verst. 11.03.1960 Frankfurt a. Main
Julia, geb. 15.05.1894 Freiberg – verst. 28.08.1969 New York

Nathan Wangenheim kam am 25. Oktober 1888 von Stettin nach Freiberg. Sein Vater Louis Wangenheim (1811 – 1891) war ein Pferdehändler aus Pasewalk. 1890 heiratete Nathan Wangenheim in Freiberg Leonore, geb. Boas. Ihr Vater, Gottschalk Boas, geboren 1826, war wohlhabend, besaß ein großes Gut, eine Bäckerei und eine Mühle in Grätz. Enkel Lutz Rosenthal schrieb in seinen Lebenserinnerungen: „Ich erinnere mich, wie Oma Geschichten über wunderbare Ferien in der Kindheit in Grätz und das ländliche, aber reiche Leben dort erzählte. Dann, nach dem I. Weltkrieg, wurde die Provinz Posen Polen angegliedert; es gab einen Volksentscheid und die Menschen konnten entscheiden, ob sie bleiben oder nach Deutschland gehen. Die Familie meiner Großmutter, als gute Deutsche, die sie waren, entschied sich für letzteres, verkaufte alles und ging nach Berlin. Wir hatten eine Menge Verwandte in Berlin… Fast alle diese Verwandten starben im Holocaust. In Berlin, inmitten einer großen jüdischen Gemeinde zu leben, erschien ihnen leichter, als in einer kleinen Stadt zu wohnen, wie wir es taten; demzufolge hielten sie eine Emigration für nicht so dringend, und sie wurden vom Krieg und vom Holocaust überrascht.“
Zunächst eröffneten die Wangenheims in der Fischerstraße 6 ein kleines Textilgeschäft, 1901 dann ihre „Weiß-, Kurz-, Galanterie-, Putz- und Modewarenhandlung“ in der Weingasse 3. „Der Laden war das, was wir einen ‚five-and-ten’ (‚Tante-Emma-Laden’M.D) nennen würden. Viele Jahre gedieh er, aber nach 1910 eröffnete eine große Warenhauskette eine Filiale in Freiberg (das Kaufhaus Schocken öffnete im März 1914 – M. D.) und das Geschäft ging durch die Konkurrenz immer schlechter. Er investierte dann in eine Fabrik, in der Puppen hergestellt wurden, sehr billige, aber in großer Anzahl, zumeist für den Export nach Afrika, Asien und Südamerika. Zeitweise beschäftigte die Fabrik mehr als 40 Arbeiter, aber der 1. Weltkrieg brachte den Export zum Erliegen und die Inflation in den zwanziger Jahren gab ihr den Rest. Als er sich zur Ruhe setzte, begann er Krankenversicherungen nach einem damals ganz neuen Konzept zu verkaufen (er wurde Versicherungsvertreter bei der Barmer-Ersatzkasse in Freiberg – M. D.). Ich glaube nicht, dass er damit viel Geld machte, aber er war froh, beschäftigt zu sein und freute sich über den Kontakt mit den Klienten…

Nathan Wangenheim vor seinem Geschäft in der Weingasse 1911

Nathan Wangenheim vor seinem Geschäft in der Weingasse 1911

18.10.1915: Arbeitsstube nach Weingasse 8, Hinterhaus, verlegt...(Stadtarchiv Freiberg)

18.10.1915: Arbeitsstube nach Weingasse 8, Hinterhaus, verlegt…(Stadtarchiv Freiberg)

Inserat im Freiberger Anzeiger um 1903

Inserat im Freiberger Anzeiger um 1903

Jüdische Gottesdienste 1903 in Freiberg; Im deutschen Reich 11 (1903), S. 675

Jüdische Gottesdienste 1903 in Freiberg; Im deutschen Reich 11 (1903), S. 675

 

 

 

 

 

 

 

Es ist schwer zu beschreiben, wie idyllisch das Leben in einer kleinen deutschen Stadt wie Freiberg in den Tagen meiner Großeltern gewesen sein muss – einfach und beschränkt sicherlich, aber auch ruhig und ohne Stress… Sogar in den späteren Jahren, als es wirkliche Probleme gab – Krieg, Inflation, finanzielle Schwierigkeiten, Antisemitismus – blieb das alltägliche Leben sehr angenehm. Tatsächlich kannte in Freiberg jeder jeden. Es gab viel Unterhaltung im Haus. Kulturell gesehen, gab es gelegentlich Vorlesungen an der Akademie und Vorstellungen in einem hübschen, wenngleich provinziellen Theater… An den Wochenenden gab es Ausflüge mit langen Spaziergängen im Wald und Pausen für ein Mittagessen in einem Landgasthof. An hohen jüdischen Feiertagen, Rosh Hashanah und Jom Kippur, fanden in einem gemieteten Saal über einer Kneipe Gottesdienste statt, da es in den besten Tagen mehr als 12 jüdische Familien in Freiberg gab. Mein Großvater war das Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde (es war jedoch keine selbstständige Gemeinde; sie gehörte zur Jüdischen Gemeinde Dresden) und verantwortlich für die Arrangements, obwohl er selbst nicht religiös war und meine Großeltern auch keinen koscheren Haushalt führten. Sie wurden zunehmend den Deutschen ähnlich und waren stolze und enthusiastische Deutsche. In ihrem Wohnzimmer hingen Bilder von König Friedrich dem Großen von Preußen und von Bismarck; meine Mutter erzählte mir, wie sie an den deutschen Siegesfeiern während des I. Weltkrieges teilnahmen und viel von ihren Goldjuwelen hergaben, um die deutschen Siegesbemühungen zu unterstützen, so wie „gute“ Deutsche damals aufgefordert waren zu handeln.“
Wohl Anfang oder Mitte der 20er Jahre zogen Nathan und Leonore Wangenheim mit in das Haus ihres Sohnes Guido in der Silberhofstraße 1a, der dort seine Wohnung und Zahnarztpraxis hatte. Julia Wangenheim heiratete 1921 den Kaufmann Willy Rosenthal (geb. 1890 in Dortmund). Als Willy Rosenthal im Dezember 1935 nach einer OP im Freiberger Krankenhaus überraschend starb und 1936 Dr. Guido Wangenheim mit Frau und Kindern aus Deutschland nach Palästina geflohen war, „zogen meine Großeltern mit meiner Mutter und mir um“, erinnerte sich Lutz Rosenthal. „Es war eine kleine Wohnung (Gabelsberger Str. 51 – M. D.) und es war schwer für alle. Im folgenden Jahr emigrierten wir alle nach Palästina.“…
Nathan Wangenheim verstarb 1939 in Palästina. „Großmutter überlebte ihn um dreieinhalb Jahre…Die letzten Jahre ihres Lebens waren voller Leid. Ich erinnere mich noch immer an sie, wie ich an ihrem Bett saß und sie immer weinte, wenn wir sie besuchten. Im November 1942 fiel sie und brach ihre Hüfte; einen Monat später starb sie an Lungenentzündung. Meine beiden Großeltern sind auf dem Nahlet Jizchak Friedhof in der Nähe Tel Avivs begraben.“

Weiterlesen bei: Lutz ROSENTHAL: Die Geschichte der Familie Rosenthal. In: Michael Düsing: Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan, Freiberg 1995, S.35-93
erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Freiberg (Schutzgebühr 5 €)


Wangenheim, Guido, Dr.

Zahnarzt Dr. Guido Wangenheim in seiner Praxis

Zahnarzt Dr. Guido Wangenheim in seiner Praxis

In der Silberhofstraße 1 a befand sich eine der größten und angesehensten Freiberger Zahnarztpraxen. Sie gehörte Dr. Guido Wangenheim, dem 1891 in Freiberg geborenen Sohn der Freiberger Kaufmannsfamilie Nathan und Leonore Wangenheim (s.o.). Er diente nach seinem Studium während des I. Weltkrieges als Zahnarzt in einem Sanitätsbataillon. Mit seiner (nicht-jüdischen) Ehefrau Lilly (geb. 1897) hatte er zwei Töchter, Helga (geboren 1924) und Edith (geboren 1925 – beide in Freiberg). Sein Neffe Lutz Rosenthal schrieb über ihn: „Mein Onkel Guido war ein sehr guter Zahnarzt. Ich glaube, er hatte die größte Praxis von den fünf Zahnärzten, die es in Freiberg gab…Er konnte ziemlich sarkastisch sein. Ich lernte eine Menge von ihm – Schach, Karten spielen, Astronomie, Kreuzworträtsel lösen; er war ein begeisterter Kartenspieler und ein ausgezeichneter Mathematiker… Er liebte das Fahren – er hatte eines der ersten Autos in Freiberg.“
In dem großen Haus wohnten ab 1921 auch die Eltern. Nach der Hochzeit der Schwester Julia mit Willy Rosenthal 1921, zog das junge Ehepaar ebenfalls mit in die Silberhofstraße 1 a. Das Haus des Zahnarztes bot für alle Familienangehörigen ein sicheres Heim. Nach der Geburt von Sohn Lutz 1923 wurde es für die junge Familie Rosenthal langsam zu eng. Als sich erste Geschäftserfolge für Willy Rosenthal einstellten, konnten sie sich eine größere Wohnung in der Olbernhauer Straße 18 leisten.
Lutz Rosenthal beschrieb in seinen Lebenserinnerungen den Schock, den sein Onkel Dr. Guido Wangenheim erlitt, als die Nazis zur Macht kamen: „Im April jenes Jahres (1933 – M. D.) kam der Boykott aller jüdischen Geschäfte und Arbeitsplätze. Ich sehe noch meinen Onkel, den Zahnarzt, vor mir niedergeschlagen in seinem Wohnzimmer sitzend, während Männer in SA-Uniform sein Haus mit Sprüchen wie ‚Lasst keine jüdischen Hände eure deutschen Zähne beschmutzen‘ beschmiert hatten. Mein Onkel war total am Boden. Gerade er war so tief und stolz Deutscher gewesen. Gleich damals erklärte er, dass ihn nichts bewegen könne, in Deutschland zu bleiben.“
In seiner wirtschaftlichen Existenz vernichtet und in seiner Ehre gekränkt, hielt ihn nichts mehr in Deutschland. Die Familie wanderte im Januar 1936 nach Palästina aus. Auch dort praktizierte er als Zahnarzt. Jahre nach dem Krieg kehrte Dr. Guido Wangenheim nach Deutschland zurück. Er starb 1960 in einem Altersheim in Frankfurt a. M.
„Ich war erst acht Jahre alt, als wir aus Freiberg fliehen mussten“, erzählte die Tochter Helga Brown, geborene Wangenheim, bei ihrem Besuch im September 2008 in Freiberg. „Hinter diesen Fenstern war die Praxis meines Vaters“, zeigte sie auf das einstige Wohnhaus und die Zahnarztpraxis ihres Vaters in der Silberhofstraße.

Guido Wangenheim als Sanitätssoldat im 1. Weltkrieg

Guido Wangenheim als Sanitätssoldat im 1. Weltkrieg

 

Grabstein in Frankfurt a.M.

Grabstein in Frankfurt a.M.

 

Tochter Helga Brown, geb. Wangenheim 2008 vor dem Wohnhaus ihrer Eltern

Tochter Helga Brown, geb. Wangenheim 2008 vor dem Wohnhaus ihrer Eltern

 

 

 

 

 

 

 


Weinberg, Ludwig und Erna, geb. Stensch

Ludwig, Erna und Rolf Weinberg; Passfotos auf den US-Einwanderungspapieren 1941

Ludwig, Erna und Rolf Weinberg; Passfotos auf den US-Einwanderungspapieren 1941

Ludwig Weinberg stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Oldenburg, wo er 1881 geboren wurde. Am 13. Oktober 1914 heiratete er die Schneiderin Erna Stensch aus Landsberg an der Warthe, geboren 1888. In Freiberg begründeten sie ihre Existenz mit der „Goldenen 24“, aber auch mit einem weiteren Modegeschäft, „Zur Zentrale“ an der Erbischen Straße/Ecke Hornstraße bzw. später in der Rinnengasse 1.
Sohn Rolf wurde am 10. März 1920 in Freiberg in der Burgstraße 24 (heute 22) geboren.
Rolfs Onkel, Alfred Weinberg, geboren am 24. Oktober 1893 in Oldenburg, hatte sich im April 1935 in Freiberg verheiratet. Er wohnte mit seiner Frau Charlotte in der Burgstraße 24 und leitete das Geschäft ,,Goldene 24″.
Ludwig Weinberg führte von Dresden aus das Geschäft ,,Zur Zentrale“ und kam drei bis viermal wöchentlich nach Freiberg. In seiner Abwesenheit besorgte Lucy Friedländer, geb. 1898 in Glauchau, die geschäftlichen Angelegenheiten. Die zweite Nichte, Martha Friedländer, geb. 1892 in Gommern bei Magdeburg, die körperbehindert war, führte den Haushalt und kochte für die Familie Alfred Weinberg. Ihr Onkel Siegfried, Bruder von Hulda Löwenthal, geb. Friedländer, hatte als Verkäufer in dem Laden von Salomon Braun „Zur Zentrale“, Hornstraße 1, gearbeitet.

Ludwig Weinberg vor seinem Geschäft "Zur Zentrale" Erbische Str./Ecke Hornstraße

Ludwig Weinberg vor seinem Geschäft „Zur Zentrale“ Erbische Str./Ecke Hornstraße

Werbeanzeige 1911 im Freiberger Anzeiger

Werbeanzeige 1911 im Freiberger Anzeiger

Werbung in einem Programmheft des Freiberger Theaters 1932

Werbung in einem Programmheft des Freiberger Theaters 1932

Modenhaus zur goldenen 24 - 1886 gegründet / Inserat Juli 1933

Modenhaus zur goldenen 24 – 1886 gegründet / Inserat Juli 1933

 

 

 

 

 

 

 

Rolf Weinberg erinnerte sich:
Die Kristallnacht hat alles geändert
„Ich war gerade 13, als die Nazis zur Macht kamen. Wir hatten viele Freunde, jüdische und christliche. Bis 1938, also kurz vor der Kristallnacht, hat sich mein Vater vollkommen als Deutscher jüdischen Glaubens verstanden, ebenso wie meine Mutter, mein Bruder Erwin und ich. Meine ganze Familie war in Deutschland geboren. Mein Vater war Frontkämpfer im I. Weltkrieg, hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse und hatte wirklich geglaubt, dass all das ihm und uns helfen wird, durch die Nazizeit hindurchzukommen…Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, hatten wir unsere christlichen Freunde verloren. Niemand wollte mit Juden gesehen werden. In meiner Schulzeit war es auch so. In meiner Klasse in der Realschule waren ca. 35 Jungen, und außer mir noch ein jüdischer. Oft hat man uns verhauen und beschimpft. Die Lehrer konnten oder wollten uns nicht beschützen…Die Kristallnacht hat alles geändert. Mein Vater musste die Geschäfte an einen Arier abgeben. Ich bin nach Buchenwald geschleppt worden, Gott sei Dank, nur für vier Wochen. Mein Vater war für einige Tage in Dresden ins Gefängnis gesteckt worden. Mein Bruder Erwin war zu der Zeit schon weg aus Dresden und nach Palästina gegangen…“

"Judenaktion" 1938 - Appellplatz KZ Buchenwald; Fotoarchiv Gedenkstätte Buchenwald

„Judenaktion“ 1938 – Appellplatz KZ Buchenwald; Fotoarchiv Gedenkstätte Buchenwald

Entlassungsschein aus dem KZ - 9. Dezember 1938

Entlassungsschein aus dem KZ – 9. Dezember 1938

 

 

 

 

 

 

 

Buchenwald! Es ist unmöglich…diesen Terror vollkommen zu fassen.
Ja, Buchenwald! Es ist unmöglich für einen Menschen, der das nicht persönlich durchgemacht hat, diesen Terror vollkommen zu fassen. Ich war nur ca. vier Wochen in Buchenwald, aber was in dieser Zeit geschehen ist, ist unglaublich! Als die jüdischen Menschen in Weimar mit dem Zug ankamen, wurden wir am Bahnhof auf Lastwagen getrieben und nach Buchenwald gefahren. Dort angekommen, wurden wir von den Lastwagen herausgeschoben und sofort mit Gewehrkolben und Knüppeln schwer geschlagen. Dann mussten wir, ca. 10.000 Menschen, etwa acht Stunden auf dem Appellplatz stillstehen, ohne Nahrung, ohne austreten zu können, ohne sich rühren zu können. Dann wurden wir zu einer Baracke geleitet und uns wurden die Haare abgeschoren. Auf dem Appellplatz noch schlugen und verletzten die SS-Schufte die Rabbiner und andere größere Persönlichkeiten so stark, dass es ein Wunder war, dass diese nicht gleich ermordet wurden. Diese Hunde hatten es besonders auf die Geistlichen abgesehen, und sie wussten ganz genau, wer diese waren. Nach dem Haareschneiden sind wir in fünf Baracken eingeteilt worden, die fünf oder sechs (ich weiß das nicht mehr ganz genau) Fächer übereinander hatten, wo wir wohnten, einer über dem anderen. Schlafen ohne Stroh und Decken und so eng übereinander, dass man nur den Kopf ein bisschen heben konnte. Abends gab es eine Art Suppe mit einem Stück Kommissbrot und einem Stückchen Wellfleisch drinnen…Als Latrine war ein großes, viereckiges, tiefes Loch gegraben und darum herum waren zweie runde Holzstangen, eine zum drauf sitzen und die andere, etwas tiefer, für die Füße. Es war ein großes Vergnügen für die SS, jemanden, der nicht richtig aufgepasst hatte und die Schweine nicht kommen sah, mit ihren Gewehrkolben in die Latrine zu stoßen und sie einen schrecklichen Tod erleiden zu lassen…Gott sei Dank bin ich aus dieser Hölle herausgekommen.
Musste innerhalb einer Woche Deutschland verlassen
Meinem Vater war es gelungen, nachdem er wieder frei war, für sich, meine Mutter und für mich Schiffskarten nach Kuba zu sichern. Meine Eltern hatten alles, was uns einmal gehört hatte, zurücklassen müssen. Wir durften jedoch jeder von uns 40,- RM mitnehmen, was damals etwa 2,5 Dollar entsprach. Meine Eltern durften ihre Eheringe anbehalten und jeder eine billige Uhr…Wir kamen Anfang des Jahres 1939 in Havanna an. Zwei Jahre mussten wir in Kuba ausharren, bis unsere Quote für die USA fällig wurde. Meine Mutter, die eine sehr gute Schneiderin war, hat dort für andere Flüchtlinge Änderungen und auch Neuanfertigungen genäht. Mein Vater hat leider nichts tun können. Ich als Autoschlosser führte kleine Reparaturen an Wagen aus, die kleinen Geschäftsleuten unter den Vertriebenen gehörten.
Detroit, Chicago, Los Angeles
Mein Onkel Alfred hatte schon vor 1938 Freiberg verlassen können und sich in Detroit eine Existenz im Pelzhandel aufgebaut. So sind auch wir schließlich nach Detroit gekommen. Meine Eltern und ich konnten eine Kellerwohnung mieten, das billigste, was wir uns leisten konnten. Meine Eltern konnten leider nur ein paar Worte Englisch sprechen, so dass sie keine Arbeit fanden. Ich fand gleich am ersten Tag nach unserer Ankunft in Detroit eine Anstellung an einer Tankstelle in der Nachtschicht. Dort war ich etwa ein halbes Jahr und kam dann zu einem Gebrauchtwagenhändler als Mechaniker. In dieser Zeit lernte ich meine Frau Gertrud (sie stammt aus Wien) bei einer Jugendveranstaltung kennen und nach ein paar Monaten haben wir geheiratet. Das war im Jahr 1943. Zu dieser Zeit zogen meine Eltern nach Chicago um, weil dort entfernte Verwandte lebten. Mein Vater fand dort eine Anstellung als Hilfsarbeiter im Warenlager einer Bekleidungsfabrik, aber auch das nur für ein paar Monate. Inzwischen übersiedelten meine Frau und ich nach Los Angeles, da viele meiner Kunden dorthin gegangen waren und da dort natürlich auch das Wetter besser ist. In Los Angeles machte ich mich wieder als Automechaniker selbstständig…Meine Eltern kamen auch nach Hollywood nach und hatten hier, Gott sei Dank, noch einige friedliche Jahre. Wir haben zwei Kinder, vier Enkelkinder und drei Stiefenkelkinder…Mein Vater verstarb 1964 nach schweren Leiden, meine Mutter nur ein Jahr später. Mein Onkel Alfred und meine Tante Lotte sind beide in Detroit verstorben…“.
Gertrud Weinberg, in Wien geb. Weinwurm, verstarb 2006 in Westlake Village, CA; von Rolf gab es die letzte Nachricht wenige Jahre später. Rolfs ältere Bruder Erwin war schon 1992 in New York verstorben.

Rolf Weinberg um 1990

Rolf Weinberg um 1990

Treffen mit Holocaust-Überlebenden in Weinbergs Wohnung, Kalifornien 1996

Treffen mit Holocaust-Überlebenden in Weinbergs Wohnung, Kalifornien 1996

Treffen mit Gertrud und Rolf Weinberg 2002 in Dresden

Treffen mit Gertrud und Rolf Weinberg 2002 in Dresden

Rolf Weinberg 2002 an der "Weinbergstraße" in Radebeul

Rolf Weinberg 2002 an der „Weinbergstraße“ in Radebeul

 

 

 

 

 

 

 

Weiterlesen bei: Rolf Weinberg: Die „Kristallnacht“ hat alles verändert. In: Michael Düsing: Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan, Freiberg 1995, S.119-126
erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Freiberg (Schutzgebühr 5 €)


Weiß, Abraham (Adolf) und Ester (Editha), geb. Sobersky

Grabstein Adolf und Editha Weiß auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden, NTR 17/07

Grabstein Adolf und Editha Weiß auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden, NTR 17/07

Weiß, Abraham (Adolf), geb. 15.04.1844 – gest. 15.11.1911 Freiberg; Kfm., seit 1905 in Freiberg
Weiß, Ester (Editha), geb. Sobersky, geb. 15.04.1845 – 07.11.1925 Freiberg

Töchter:
Braun, Gitta, geb. Weiß, geb. 08.08.1973 Bautzen – gest. 02.11.1942 Ghetto Theresienstadt
Silberstein, Celestine, geb. Weiß, geb. 10.03.1876 Bautzen – gest. 16.03.1943 Ghetto Theresienstadt

Im Haus Burgstraße mit der damaligen Nummer 24 existierte neben dem Modehaus „Goldene 24“ seit 1903 auch der Weißwarenhandel der Familie Braun. Nach der Aufgabe des „Kaufhauses Braun“ an der Ecke Erbische Straße/Hornstraße zum 1. Oktober 1903 – ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit mit Gitta Weiß, die in Dresden geschlossen wurde – versuchte Salomon Braun in der Burgstraße Fuß zu fassen. Offenbar mit wechselndem Erfolg. Bereits nach einem Jahr, im Dezember 1904, musste er zum ersten Mal Konkurs anmelden. Am 19. Juni 1905 meldete Ehefrau Gitta Braun, geb. Weiß, als Inhaberin das Geschäft neu an. Doch auch sie musste es bereits nach zwei Jahren, im Juni 1907, erneut abmelden, da „der Ehemann krank“ sei. Nach dem Tod Salomon Brauns am 24. Juli 1919 meldete Gitta Braun den „Handel mit Konfektionsartikeln“ im „Blusenhaus S. Braun“ als Inhaberin neu an und führte das Geschäft zehn weitere Jahre bis zum Juli 1929. Ihre Wohnung befand sich in der damaligen Burgstraße 24b. Nachdem die Nazis den Lebensraum der Juden ab 1933 Schritt für Schritt immer drastischer einschränkten, schließlich sogar 1938 die Benutzung öffentlicher Bibliotheken durch Juden verboten, war die Witwe Braun für die wenigen noch in Freiberg lebenden Juden der einzige Anlaufpunkt, um wenigstens noch Literatur aus dem Bestand der Jüdischen Gemeinde Dresden bei ihr in der Burgstraße ausleihen zu können.

Wie schon erwähnt, wurde Gitta Braun zusammen mit der bei ihr in den letzten Jahren (seit 1924 in Freiberg) lebenden Schwester, der Witwe Celestine Silberstein, geb. Weiß, am 1. Juli 1942 über Dresden in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo beide kurz hintereinander im November 1942 bzw. März 1943 starben. Ihre Eltern, Adolf Weiss, 1844 – 1911, und Esther Weiss (1845 – 1925) sind beide auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden begraben


 Winter

Winter, Samuel Winter, geb. 04.08.1856 im schlesischen Zarki, Kfm., Herrenkonfektionsgeschäft in Freiberg
Winter, Rosalie, geb. Steinberg, geb. 06.12.1860 in Pasewalk – ermordet 1943 Auschwitz;
verheiratet mit Samuel W. seit August 1886
das Ehepaar zog mit Sohn Gerhard bereits im September 1887 nach Plauen

Sohn: Winter, Gerhard, 18.07.1887 Freiberg – 03.04.1943 Auschwitz
Ehefrau von Gerhard W.: Else, geb. Rosenberg
letzte Anschrift: Berlin, Schwäbische Straße 3 / nach Angaben Gedenkbuch Berlins, 1995: als letzte Adresse angegeben: Bln.-Schöneberg, Landshuter Str. 35)
(Transport von Berlin nach Auschwitz am 03.03.1943Information an Shoa Data Base vom Neffen: Herbert B. Lowry, GB, Wembley 1996) – Transport mit 1726 Personen, Ankunft in Auschwitz am 04.03.43 – Angaben in: Alfred Gottwaldt, Diana Schulle, Die ‚Judendeportationen‘ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005)

Geburtseintrag Nr. 514 von 1887 Gerhard Winter, Stadtarchiv Freiberg

Geburtseintrag Nr. 514 von 1887 Gerhard Winter, Stadtarchiv Freiberg

"daß ich den Namen Gerhard Israel Winter führe" - Standesamt Freiberg, o. Sign. Bd. 18 - Stadtarchiv Freiberg

„daß ich den Namen Gerhard Israel Winter führe“ – Standesamt Freiberg, o. Sign. Bd. 18 – Stadtarchiv Freiberg

Page of Testimony, Yad Vashem Jerusalem

Alles, was blieb!…Page of Testimony, Yad Vashem Jerusalem

 

 


 Wolff, Abraham Georg und Meta Sophie, geb. Taubenschlag

Abraham Georg Wolff

Abraham Georg Wolff

Meta Sophie Wolff

Meta Sophie Wolff

Arbeitsordnung der Firma 1921

Arbeitsordnung der Firma 1921

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolff, Abraham Georg, geb. 22.06.1879 Hohensalza (Inowrozław) – Flucht in den Tod 25.01.1942
Wolff, Meta, geb. Taubenschlag, 29.01.1887 in Freiberg – Flucht in den Tode 25.01.1942 Berlin
Eheschließung 28.12.1913 in Freiberg

Kinder:
Wolff, Manfred, geb. 28.08.1920 in Freiberg – verst. 1983 in Leeds, UK
Gray, Dorothea, geb. Wolff, geb. 25.01.1925 in Freiberg – verst. August 2007 UK

Abraham Wolff, eigentlich heiratete 1913 die Freiberg Kaufmannstochter Meta Taubenschlag, diente im 1. Weltkrieg im Heer und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. 1919 übernahm er die Firma seines verstorbenen Schwiegervaters. Da die Holzfirma sich offensichtlich nach Krieg und Inflation gut erholte und die Geschäfte erfolgreich liefen, baute Abraham Wolff 1926 einen neuen Standort der Fabrik an der Zuger Straße (damals Nr. 10; heute Nr. 42) auf. Am 28. August 1920 wurde Sohn Manfred geboren, knapp fünf Jahre später, am 25. Januar 1925, Tochter Dorothea. „Direktor Wolff“, wie er respektvoll von Geschäftspartnern und Freiberger Bekannten genannt wurde, war ein stolzer deutscher Fabrikant, geachtet und anerkannt. Seine jüdische Herkunft galt ihm wenig. Anders als andere Freiberger Juden, die zwar ebenso stolz darauf waren, assimilierte Deutsche zu sein, aber ihre jüdische Tradition stärker wahrten, legten die Wolffs wenig Wert auf jüdische Religiosität. Im Hause Wolff wurden keine jüdischen Feste gefeiert; Beziehungen und Kontakte zu anderen jüdischen Familien in Freiberg pflegten sie kaum. Sie hatten sich nahezu vollständig assimiliert. Am 10. Juni 1931 stellt Abraham Wolff den Antrag auf Aufnahme in den sächsischen Staatsverband.Und im gleichen Jahr trat das Ehepaar aus der Jüdischen Gemeinde in Dresden aus. Nach dem Machtantritt der Nazi ließ sich Abraham Wolff, der sich nun häufiger unter seinem zweiten Vornamen Georg nennen ließ, im Freiberger Dom von Pfarrer Arndt von Kirchbach taufen und trat der evangelisch-lutherischen Kirche bei. Dessen Sohn erinnerte sich 1971 noch daran: „Als der Landeskirchenausschuss in Sachsen zustande kam, wurde Vater wieder in sein Amt als Domprediger eingesetzt. Im Sommer 1936 wurde er zum Superintendenten von Freiberg ernannt. Später hat er mir einmal erzählt, wie die Ernennung beinahe daran gescheitert wäre, dass er kurz vorher einen Juden getauft hatte.“

Ab Februar 1935 firmierte die Fabrik denn auch unter: „Sächsische Gardinenleisten-Fabrik G. Wolff“. Abraham Georg Wolffs besondere Tragik lag darin, nach dem Machtantritt der Nazis durchaus nicht wahrhaben zu wollen, dass den Antisemiten und Juden hassenden nationalsozialistischen Rassenfanatikern völlig gleichgültig war, als was sich ein von ihnen definierter „Rassejude“ verstand. „Arische“ Bekannte wandten sich ab. Wie alle jüdischen Unternehmen und Geschäfte wurde auch Wolffs Firma in den Ruin getrieben und musste Ende 1938 „zwangsarisiert“ werden. Am 16. März 1939 erfolgte die Abmeldung der Firma „Sächs. Gardinenleisten Fabrik G. Wolff“ und ihre Löschung im Handelsregister.

Dorothea links vorn mit Klassenkameradinnen, 2. Klasse, Körnerschule 1932

Dorothea links vorn mit Klassenkameradinnen, 2. Klasse, Körnerschule 1932

Firmenliquidation im März 1939; Stadtarchiv Freiberg

Firmenliquidation im März 1939; Stadtarchiv Freiberg

Dorothea und Manfred Wolff um 1950 in England

Dorothea und Manfred Wolff um 1950 in England

Angie und Richard Gray im September 2010 im Freiberger Rathaus

Angie und Richard Gray im September 2010 im Freiberger Rathaus

 

 

 

 

 

 

 

Sohn Manfred musste im Juni 1938 das Gymnasium ohne Abitur verlassen. Tochter Dorothea durfte die Höhere Handelsschule in Freiberg, in die sie erst am 8. April 1938 aufgenommen worden war (nach ihrer Grundschulzeit an der Körnerschule), nicht weiter besuchen. In der Nacht des Judenpogroms vom 9. November zum 10. November 1938 wurden Abraham Wolff und sein Sohn Manfred in Freiberg verhaftet. Während der Vater nach einigen Tagen aus der Gestapo-Haft in Dresden entlassen wurde, warfen sie den Sohn als „Sonderaktionsjuden“ in das Konzentrationslager Buchenwald.

Abraham und Meta Wolff kämpften verzweifelt um die Kinder. Es gelang ihnen in letzter Minute, Dorothea mit den von jüdischen und freikirchlichen Hilfsgruppen organisierten Kindertransporten 1939 nach England in Sicherheit zu bringen. Manfred wurde am 18. Januar 1939 aus dem KZ entlassen, nachdem sein Vater eine Auswanderungsmöglichkeit für seinen Sohn nach England belegen konnte.

Für Meta und Abraham Wolff war es da schon zu spät. Finanziell und in der wirtschaftlichen Existenz am Ende, brachten sie wahrscheinlich die ernormen Summen nicht mehr auf, die das Nazireich den Juden als „Reichsfluchtsteuer“ auferlegte. Zweifellos fanden sie auch kein Auswanderungsland mehr. Um 1940 gingen die Wolffs nach Berlin und kamen bei ihrer großen Berliner Verwandtschaft unter. Als Meta und Abraham Wolff den Deportationsbefehl „in den Osten“ erhielten, nahmen sie sich am 22./23. Januar 1942 das Leben. Abraham verstarb an einer Gasvergiftung noch am gleichen Tag, seine Frau Meta zwei Tage später.

Viele der Berliner Verwandten wurden Opfer des Völkermords der Nazis. Die Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Manfred Wolff war in England als Musikdozent und Lehrer für Geschichte und Musik an einem Lehrerausbildungs-Institut in Leeds tätig. Er verstarb schon 1983, im Alter von 62 Jahren. Dorothea heiratete einen nicht-jüdischen Polen in Birmingham, Stan Gray. Er war schon im September 1939 in einem Priesterseminar bei Krakau von den Deutschen verhaftet worden und hatte höllische Jahre im KZ Dachau und dem Außenlager des KZ Mauthausen in Gusen erlebt. 1955 wurde Sohn Richard geboren. Dorothea starb im August 2007.

„Wir können vergeben, aber nicht vergessen“, sagte Dorothea. Zu Freiberg wollte sie nie wieder Kontakt aufnehmen. „Freiberg hat uns verraten“, soll ihre bittere Bilanz gelautet haben.[

Richard, Enkel der ums Leben gekommenen Meta und Abraham Wolff, besuchte erstmals Freiberg wieder aus Anlass der Verlegung von Stolpersteinen für seine Großeltern, die aus Freiberg vertriebene Mutter und seinen Onkel am 28. September 2010.


 

Familien Wreschinski und Wunderlich

Wreschinski, Wilhelm, geb. 23.08.1839 in Mogilno (Galizien) – verst. am 13.04.1891 in Freiberg

Grabstelle Wilhelm Wreschinski auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden, ATR 18/05

Grabstelle Wilhelm Wreschinski auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresden, ATR 18/05

Ehefrau Wreschinski, Pauline, geb. Hepner, geb. 06.07.1849 Zerkow – 1903 – 1910 zu Tochter Regina nach Hildesheim gezogen – gest. 12.08.1914 in Freiberg

fünf Kinder:
Regina, Ernst Jacob, Sally, Siegfried und
als jüngste Tochter: Ida-Rosa, 12.05.1887 in Freiberg – Deportation 12.05.1887 nach Riga
verheiratet mit Paul-Hermann Wunderlich (keine weiteren Informationen)
Sohn: Hans-Günter, geb. 28.09.1917 – Deportation am 03.02.1943 nach Auschwitz
Tochter Ruth Ingeborg, geb. 1920 in Freiberg, weiteres Schicksal unbekannt

„Parfümerie- und Seifengeschäft Wreschinski“ hieß der kleine Laden in der Thielestraße 2, den der aus Galizien nach Freiberg zugezogene Kaufmann Wilhelm Wreschinski begründet hatte. Er wurde im Freiberger Adressbuch als „Seifenfabrikant“ geführt. Als er 1891 im Alter von nur 52 Jahren an einer chronischen Herzkrankheit starb, führte seine Witwe Pauline, Geburtsname Hepner, das Geschäft weiter, später übernommen von ihrer Tochter Ida-Rosa und deren Mann Paul Herman Wunderlich. Das Ehepaar Wreschinski hatte fünf Kinder, alle noch vor der Freiberger Zeit in Gnesen bzw. Wreschen geboren. Wann Ida ihren vermutlich nichtjüdischen Ehemann Paul Hermann Wunderlich heiratete, ist nicht bekannt, auch nichts über das Los dieser Verbindung, aus der am 28. September 1917 Sohn Hans-Günter hervorging, geboren in der Thielestraße 2. 1920 kam Tochter Ruth Ingeborg in Freiberg zur Welt. In den 20er und Anfang der 30er Jahre muss sich Ida Wunderlich mit einem sog. „Privatmittagstisch“ durchgeschlagen haben, während ihr Ehemann das Seifengeschäft weiterführte. Sohn Hans-Günter besuchte von Ostern 1931 bis Ostern 1934 die Berufsschule Freiberg. Im März 1936 verließ Ida Wunderlich mit ihrem Sohn Hans-Günter und der Tochter Freiberg und zog zu Verwandten nach Berlin – wie so viele Juden auf die Anonymität der Großstadt hoffend. Was mit ihrem Ehemann war, ist nicht bekannt. Mit dem 9. Transport Berliner Juden von Berlin nach Riga (dem gleichen, mit dem auch die Freiberger Grete und Max Pinkus deportiert wurden – wurde sie am 19. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Der Transport erreichte mit 1.002 Personen am 23. Januar 1942 Riga – in „gedeckten“ Güterwagen, trotz der damals herrschenden Kälte.

Ihr Sohn Hans-Günter wurde am 3. Februar 1943 nach Auschwitz verschleppt. Es war der 28. Transport aus Berlin, der mit 952 Personen am 4. Februar 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ankam. Die meisten von ihnen waren offenbar Kranke und Alte aus dem Jüdischen Hospital in der Berliner Auguststraße 17 und dem Jüdischen Krankenhaus Berlin-Moabit. Ihre Selektion erfolgte an der „alten Judenrampe“ in Auschwitz. Von den 952 Deportierten wurden nur 181 Männer und 106 Frauen als „arbeitsfähig“ ausgesondert. Alle anderen, darunter auch mit hoher Wahrscheinlichkeit Hans-Günter Wunderlich, wurden sofort nach ihrer Ankunft in zwei extra dazu umgebauten Bauernhäusern vergast. Die „modernen“ Gaskammern und Krematorien in Auschwitz wurden erst danach, ab 15. Januar 1943 (Krematorium II) bzw. 28. Februar 1943 (Krematorium V) in „Betrieb“ genommen. Mutter und Sohn kehrten nie zurück.

...den zusätzlichen Namen Sara führen werde...Schreiben v. 18.12.1938; Stadtarchiv Freiberg

…den zusätzlichen Namen Sara führen werde…Schreiben v. 18.12.1938; Stadtarchiv Freiberg

Haus Thielestraße 2 in Freiberg

Haus Thielestraße 2 in Freiberg

Stolpersteine für Ida und Hans-Günter Wunderlich am 15.10.2008

Stolpersteine für Ida und Hans-Günter Wunderlich am 15.10.2008

 

 


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