Jüdische Familien und Personen M – R


Niemetz, Georg

geb. 15.11.1908 Breslau – in Freiberg seit 16.09.1933 als Zahntechniker tätig (Praxis Untermarkt 21 / Haus „Zur Goldenen Pforte“), verheiratet seit 30.10.1933 in Freiberg mit Erna, geb. Thuy – von den nationalsozialistischen Rassenfanatikern als „Halbjude“ erfasst (Aufstellung jüdischer Gewerbetreibender in Freiberg vom 03.08.1935 / Stadtarchiv FG)

Am 7. November 1944 wurde Georg Niemetz durch die Gestapo in Freiberg verhaftet und in ein Nebenlager des KZ Buchenwald, nach Petershütte b. Osterode/Harz zur Zwangsarbeit deportiert. Er wurde dort als Zahntechniker zur Behandlung von Mitgefangenen eingesetzt. Mitte Januar 1945 Überstellung zur Zwangsarbeit in der Organisation Todt in Berlin-Hohengatow, von dort über Pirna nach Weimar. Dort entlassen am 04.04.1945 durch SS-Oberfeldarzt Dr. Ulrich wegen eines „Zustandes nach Rückenschuss mit Lungenverletzung“. Nach seiner Rückkehr nach Freiberg blieb N. bis 1956 und lebte danach in Beckum, Kreis Münster.


Oppenheimer, Karl

geb. 07.09.1897 in Hallenberg (NRW); kfm. Angestellter, seit 1928 in Freiberg (Whg. Domgasse 7), Verkäufer im Kaufhaus Schocken Freiberg.

Von seiner Heimatstadt Hallenberg aus, in der der unverheiratete Angestellte nach seiner Entlassung als „Jude“ aus dem zu „arisierenden“ Schocken-Kaufhaus zurückgekehrt war, wurde Oppenheimer während des Novemberpogroms am 9. November 1938 von der Gestapo verhaftet und am 10. November 1938 unter der Häftlingsnummer 20201 und in der Katergorie als „Sch.J“ – „Schutzhaft.Jude“ – in das KZ Dachau eingeliefert. Am 8. Dezember 1938 entlassen, ist über sein weiteres Schicksal nichts bekannt.


johannaPatzschke, Johanna, geb Biber (siehe auch unter: „Biber“)

geb. 18.11.1896 in Leipzig, verheiratet mit dem nicht-jüdischen Albert Hans Walter Patzschke in – von den Nazis erfundener – „privilegierter Mischehe“ (musste deshalb den Stern nicht tragen) – wurde von den Nazis dienstverpflichtet und musste Pailletten und Uniformkragen sticken. Zum 16. Februar 1945 erhielten sie und ihre Tochter Brigitte den Deportationsbefehl in das Ghetto Theresienstadt. Die Verschleppung wurde durch die Bombenangriffe auf Dresden vom 13. bis 15.02.1945 verhindert. Johanna Biber verstarb am 20.09.1973 in Freiberg.

Ihr Ehemann Hand Patzschke, war Soldat im 1. Weltkrieg, und schlug sich als Handlungsreisender einer Freiberger Firma durch. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und machte die Feldzüge gegen Polen und Frankreich mit. Danach als in „Mischehe“ Lebender zu Zwangsarbeit dienstverpflichtet, arbeitete er Geschäftsführer bei der Fa. Beier. Im Herbst 1944 wurde Patzschke zusammen mit weiteren noch in Freiberg lebenden „Halbjuden“, Juden in „privilegierter Mischehe“ und „Mischlingen“ in einen Transport zur Zwangsarbeit nach Osterode/Harz eingereiht (siehe unter „Familie Dr. Fischer“). Am Kriegsende ging er nach Bayreuth. Versuche, die Freiberger Familie nachkommen zu lassen, scheiterten an der bald einsetzenden Spaltung. Er verstarb im August 1971 in Bayreuth.

Der Vater von Johanna Patzschke, Hermann Biber (siehe unter „Biber“) zog nach seiner Befreiung aus dem Ghetto Theresienstadt und dem Tod seiner Frau, die im Ghetto an Typhus erkrankt war, zu seiner Tochter nach Freiberg. Von hier aus fuhr er regelmäßig als Vorbeter der Jüdischen Gemeinde nach Dresden. Er starb am 11. September 1951.

Mit ihren gemeinsamen Töchtern Margarethe (geb. 28. Januar 1925 in Leipzig) und Brigitte (geb. 5. Juni 1930 in Leipzig) war das Ehepaar Patzschke 1935 von Leipzig nach Freiberg gezogen. Sie wohnten in der Chemnitzer Straße 33.  Tochter Brigitte, die 1937 in Freiberg eingeschult worden war, berichtete in den 1990er Jahren, wie sie als „Judenmischling“ die „täglichen Qualen“ des Schulbesuchs mit Beschimpfungen und Schlägen ihrer Mitschüler erdulden musste.

Ich war fünf, als meine Eltern 1935 nach Freiberg zogen. Im Nazijargon lebten meine Eltern also in einer ‚Mischehe‘. Als kleines Mädchen spürte ich zunächst keine Auswirkungen. Das änderte sich auch für mich mit den Nürnberger Rassegesetzen vom 15.9.1935. Inzwischen in die Schule gekommen (die heutige Pestalozzischule) galt ich nun als ‚Mischling 1. Grades‘. Das Verhalten der Lehrer änderte sich damit kaum. Als kleines Schulkind befiehl mich sogar ein Gefühl des Stolzes, nun als ‚Mischling 1. Grades‘ etwas ‚Besonderes‘ zu sein. Mein Klassenlehrer reagierte einfühlsam, ein anderer entschuldigte sich gar dafür, mit schlechtere Noten geben zu müssen, da er der Weisung zu entsprechen hatte, dass Juden in der Schule schlechter zu sein hatten als ‚arische‘ Mitschüler. Dafür wurde der Schulalltag mit meinen Mitschülern immer bedrohlicher und angsterfüllter. Oft lauerten meine Mitschüler vor dem Schulgebäude auf mich, um mich zu verprügeln und ich lebte in ständiger Angst vor dem Heimweg. Meist wartete ich noch Stunden nach dem Schulschluss im Klassenraum bis ich hoffen konnte, ohne Schläge und Beschimpfungen nach Hause zu kommen. Meine Freundin Judith, selbst keine Jüdin, hielt zu mir und harrte Stunden voller Angst mit mir aus“. Brigitte lebte später in Dresden. Sie war mit dem sächsischen Historiker Hellmut Eschwege in dessen zweiter Ehe verheiratet.

Klassenfoto. Johanna Patzschke 3. Reihe, 4. v. li.

Klassenfoto. Johanna Patzschke 3. Reihe, 4. v. li.

Patzschke_Biber_Eschwege (9)

2001: Glückwünsche zur Projektgruppe „Shalom“ von Brigitte Eschwege

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Pinkus, Max und Grete, geb. Dobkowsky

Grete Pinkus mit ihrem Sohn Werner, Aufnahme 1937

Grete Pinkus mit ihrem Sohn Werner, Aufnahme 1937

siehe auch unter „Dobkowsky“ (Jüdische Familien und Personen A-F)

Pinkus, Max Mordechai, geb. 21.03.1887 Gatersleben –
Pinkus, Grete (Tova), geb. Dobkowsky, geb. 10.02.1893 Allenstein (Ostpreußen)
übernahmen den Laden der Eltern 1922 (Gewerbeanmeldung: 25.01.1922) nach der Hochzeit;
Eheschließung 1921 in Freiberg.

Das Ehepaar Max und Grete Pinkus führte in der Poststraße 16 einen „Wollwaren- und Trikotagenhandel“. Grete war die Tochter der in Freiberg nach der Jahrhundertwende bekannten jüdischen Kaufmannsfamilie Dobkowsky. 1922 hatten sie das Textilgeschäft der Eltern in der Poststraße, nun bekannt unter dem Namen „Dobkowsky & Co.“ übernommen. Das Geschäft lief nach dem Machtantritt der Nazis immer schlechter. Nur noch heimlich wagten Freiberger ihren Einkauf dort. Als der Naziterror seinem vorläufigen Höhepunkt zusteuerte, verstarben die Eltern, Mutter Franziska 1936, Vater Sally 1939. Anwohner des Hauses versuchten, der Familie durch kleine Aufmerksamkeiten zu helfen. Ihr Geschäft aber war ruiniert. Sie verloren ihre wirtschaftliche Existenz. Verzweifelt versuchten Max und Grete einen Ausweg aus der immer bedrohlicheren Lebenssituation zu finden. Flucht war undenkbar. Aber es gelang ihnen, ihren Sohn Werner im Frühjahr 1939 mit einem Kindertransport nach England zu retten. Werner Pinkus gehörte, wie auch seine Cousine Ursula Dobkowsky (Ester Golan), zu den jüdischen Kindern, die – allein auf sich gestellt – zwischen Dezember 1938 und September 1939 nach England ausreisen durften. Als Kindertransport (auch Refugee Children Movement) wird international die Ausreise von fast 10.000 Kindern bezeichnet, die als „jüdisch“ im Sinne der Nürnberger Gesetze galten. Auf diesem Wege gelangten vor allem Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei ins Exil. In Zügen und mit Schiffen konnten die Kinder ausreisen, wobei die meisten ihre Eltern nie wieder sahen, oftmals waren sie die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten. Die einzige Bedingung der britischen Behörden war eine Garantiesumme von fünfzig englischen Pfund für das Visum. In England wurden die Kinder in Schullandheimen, Pensionen oder Pflegefamilien untergebracht. „Aus Kindern wurden Briefe„, lautete eine gängige Redewendung unter den verbliebenen deutschen Juden im NS-Regime. Und die Briefträger wurden zu Schicksalsboten. Ständig schwankten die Eltern zwischen Hoffnung und Zweifeln, nicht wissend, ob sie ihre Kinder je wieder sehen würden. (Siehe dazu auch: HARRIS, Mark Jonathan; OPPENHEIMER, Deborah; HOFER, Jerry: Kindertransporte in eine fremde Welt. DVD 2000).

Klassenbild 1937, Rochlitzerschule; Werner erste Reihe, 3. v. li.

Klassenbild 1934/35, Rochlitzerschule; Werner erste Reihe, 3. v. li.

Judenkennkarte Werner Pinkus; Stadtarchiv Fg

Judenkennkarte Werner Pinkus; Stadtarchiv Fg

Aviva mit Vater "Wily" Pinkus 2005 in der Ausstellung der Geschichtswerkstatt in Ness Ziona/Israel

Aviva mit Vater „Wily“ Pinkus 2005 in der Ausstellung der Geschichtswerkstatt in Ness Ziona/Israel

Stolperstein-Verlegung am 16. Juli 2007 vor dem Geschäft der Großeltern in Freiberg: in der Mitte Aviva Lynton

Stolperstein-Verlegung am 16. Juli 2007 vor dem Geschäft der Großeltern in Freiberg: in der Mitte Aviva Lynton

 

 

 

 

 

 

 

Der heute in Israel lebende Sohn Werner schrieb vor Jahren nach Freiberg: „Ich bedauere sagen zu müssen, dass ich nichts über meine lieben Eltern Max und Grete gehört habe. Ihre Briefe, die mir durch das Rote Kreuz zugeschickt wurden, hörten mit dem Ausbruch des Krieges auf, anzukommen. Nach dem Ende der Feindseligkeiten gelang es mir nicht, irgendwelche zuverlässigen Informationen zu bekommen.“ Lutz Rosenthal, der als 14jähriger mit seiner Mutter Julia und den Großeltern Nathan und Leonore Wangenheim 1937 nach Palästina flüchten konnte, glaubte nach dem Krieg gehört zu haben, die Eltern Pinkus seien auf einem Deportationsschiff der SS nach Riga 1943 umgekommen, als dieses torpediert wurde. Er schilderte diese Vermutung auch in einem Brief in den 90er Jahren an den Autor. Die Stolpersteine für Max und Grete Pinkus tragen daher diese Inschrift. Inzwischen belegen jedoch intensivere Recherchen sowohl im Bundesarchiv wie auch in der Opferdatei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, dass beide ein Jahr früher, mit demselben Deportationstransport per Eisenbahn am 19. Januar 1942 von Berlin aus in das Ghetto Riga kamen, mit dem auch die Freibergerin Ida Wunderlich in den Tod geschickt wurde. Vermutlich hatten Max und Grete Pinkus versucht, in der Anonymität der Großstadt Berlin eine rettende Lösung – vor allem für die Kinder – zu finden. Auch ihre Verwandten, Arno (der Bruder von Grete) und Elsbeth Dobkowsky waren 1937 vom niederschlesischen Glogau (heute: Głogów) aus nach Berlin gekommen. Deren Kinder Ursula, Peter und Marianne-Renate wurden zusammen mit ihrem Cousin Werner Pinkus, im März 1939 mit den Kindertransporten von Berlin aus nach England gerettet. Die Eltern überlebten nicht. Sie wurden in Theresienstadt bzw. Auschwitz ermordet.
Ich selbst wurde …von einer englisch-jüdischen Familie adoptiert“, schrieb Werner Pinkus, der seitdem „Willy“ genannt wird. „Ich blieb bis 1947 in England und ließ mich dann in Palästina, dem späteren Israel, nieder.“
Im November 2005 gab es eine bewegende Begegnung von Mitwirkenden der Geschichtswerkstatt Freiberg mit Werner „Willy“ Pinkus und Tochter Aviva anlässlich der in Ness Ziona, der Partnerstadt Freibergs, gezeigten CJD-Ausstellung „Jüdische Familien in Freiberg – Dokumentation und Erinnerung“. Aviva Lynton besuchte Freiberg schließlich zusammen mit ihrem Ehemann Eric im Juli 2007, als vor dem Haus Poststraße 10 Stolpersteine für ihre Großeltern und ihren Vater verlegt wurden.
Die Verlegung der Stolpersteine für meine Großeltern Max und Grete Pinkus und für meinen Vater Werner, der überlebt hat und mit uns in Israel lebt, ist eine große Erfüllung für uns. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Ehrung und Erinnerung in Freiberg zusammen mit meinem Mann Eric erleben konnte, einerseits wegen der persönlichen Bedeutung, die diese Steine für uns selbst haben, zugleich aber auch, um unseren großen Respekt für alle Ihre Anstrengungen zur Realisierung dieses Gedenkens auszudrücken“. Diese Zeilen schrieb Aviva an die Freiberger Initiatoren nach ihrem Besuch in Freiberg.


Rosenthal, Samuel und Martha, geb. Saphra

Rosenthal, Samuel, geb. 15.07.1871 Löbau – Todesdatum unbekannt
Rosenthal, Martha, geb. Saphra, geb.13.04.1877 Wreschen – Todesdatum unbekannt

Zur Jahrhundertwende, am 13. März 1900, meldete Samuel Rosenthal die „Fa. S. Rosenthal, vormals Geschw. Steinberg“ im Stadthaus I, Burgstraße 3, an. Er war 1871 in Löbau geboren worden und wohnte zunächst Enge Gasse 2, später in der Weingasse 8. Samuel und Martha Rosenthal hatten einen Sohn, Gerhard, geboren am 2. Oktober 1902 in Freiberg. Noch 1936/37 ist das Geschäft unter S. Rosenthal im Freiberger Adressbuch zu finden, dessen Wohnung nunmehr unter „Silbermannstraße 3“. Zum 31.12.1938 wurde die Firma „S. Rosenthal, vormals Geschwister Steinberg“ im Gewerbeverzeichnis abgemeldet.

Kaffeeplausch: v.li.: Rosalie Saphra, geb. Spiro, Martha Rosenthal.,geb. Saphra, Samuel Rosenthal, Nathan Wangenheim, Julia Wangenheim

Kaffeeplausch: v.li.: Rosalie Saphra, geb. Spiro, Martha Rosenthal.,geb. Saphra, Samuel Rosenthal, Nathan Wangenheim, Julia Wangenheim

Zur Erinnerung an die Geschäftseröffnung im Jahr 1900

Zur Erinnerung an die Geschäftseröffnung im Jahr 1900

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorabdruck aus einem bisher  unveröffentlichten Manuskript zum Thema „Freiberg unterm Hakenkreuz 1933 – 1945“ (Michael Düsing):

Dass die Stadt sich durchaus aktiv an der „Verwertung“ ehemals von Juden betriebener Geschäfte beteiligte, lag besonders dann nahe, wenn die Läden städtisches Eigentum waren und an Juden nur verpachtet gewesen waren. So stand 1937 mehrfach die künftige Verwendung des ehemals Rosenthal’schen Ladens im Stadthaus I hinter dem Rathaus, in der Burgstraße 3, zur Debatte in Ratsherrensitzungen. Samuel Rosenthal (nicht verwandt mit der Familie von Willy Rosenthal) hatte dort einen Manufakturladen betrieben, der schon vor der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert von den ebenfalls jüdischen Geschwistern Steinberg geführt worden war. Er hatte sein Gewerbe schon im März 1900 angemeldet. Die Stadt Freiberg war am Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts weitsichtig genug gewesen, neue Gewerbetreibende für eine Ansiedlung in Freiberg zu gewinnen, als sich das Ende des traditionellen Bergbaus immer deutlicher abzeichnete. Hinter diesen Interessen einer liberalen und großzügigen Wirtschaftsförderung trat sogar der in Freiberg seit Jahrhunderten verbreitete Antijudaismus und in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts neu ausgeprägte Antisemitismus zurück. Die Stadt bot günstige Ansiedlungskonditionen auch für jüdische Kaufleute und Unternehmer und in Einzelfällen – wie im Stadthaus I – auch Verpachtungen zu günstigen Konditionen selbst an Juden. Über Jahrzehnte hatte der Abschluss immer neuer Verlängerungsverträge für das Ladengeschäft im Erdgeschoß des Stadthauses kaum Probleme bereitet.

Stadthaus I Hinter dem Rathaus; Hist. Aufnahme, Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG

Stadthaus I Hinter dem Rathaus; Hist. Aufnahme, Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG

Zwar war der Vertrag Anfang 1934 noch einmal um zwei Jahre verlängert worden, im August 1935 aber beschloss der Stadtrat, den Vertrag mit Rosenthal über den Laden im Rathaus […] nicht zu verlängern und teilte Rosenthal schriftlich mit, dass eine Verlängerung über den 31. März 1936 hinaus […] nicht erfolgen (kann). In einem handschriftlichen Vermerk ergänzte Stadtrat Richard Knöfel später, dass Kaufmann Samuel Rosenthal am 11.12.1935 vor Herrn Oberbürgermeister W. Hartenstein erschienen sei, er seit einiger Zeit an einem Herzleiden erkrankt sei und sich auf ärztliches Anraten nicht in der Lage sehe, das Geschäft […] fortzuführen. Die zeitliche Abfolge lässt zumindest Zweifel darüber aufkommen, ob sich die Herzleiden nicht erst nach der Mitteilung über die Aufkündigung des Ladens eingestellt oder verstärkt haben könnten. Jedenfalls hatten Martha und Samuel Rosenthal ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren. Sie verließen mit Sohn Gerhard 1936/37 Freiberg. Was aus ihnen geworden ist, ist nicht hinreichend klar dokumentierbar, möglicherweise gelang ihnen die Flucht nach Amerika. In der Ratssitzung am 13. April 1937 wurde die künftige Verwendung des Ladens nach einer Instandsetzung seitens der Stadt beraten. Es solle verhandelt werden wegen Unterbringung der NS-Kulturgemeinde und der Theaterkasse. Das Einwohnerbuch von 1940 lässt erkennen, dass schließlich ein Hut- und Filzwarengeschäft Eidner und das „Dürerhaus“ von Johanna Römer mit dem Angebot kunstgewerblicher Waren darin Platz fanden.


Rosenthal, Willy und Julia, geb. Wangenheim

Willy Rosenthal im 1. Wk; Sanitätssoldat 1917

Willy Rosenthal im 1. Wk; Sanitätssoldat 1917

Julia Wangenheim

Julia Wangenheim

Sohn Lutz, Aufnahme in den 1930er Jahren

Sohn Lutz, Aufnahme in den 1930er Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rosenthal, Willy, 06.10.1890 Dortmund – gest. 19.12.1935 Freiberg
nach Schulbesuch Lehre in Nürnberger Warenhaus als Volontär, im 1.WK freiwillig als Sanitäter; 1917 Schlacht v. Verdun-Verletzung durch Granate, 1918 Rückkehr von Front, EK 2.Kl
1920 lernt er in Freiberg Julia Wangenheim kennen, geb.15.05.1894 Freiberg – gest. 28.08.1969 New York
Hochzeit am 14.03.1921

Aus den Erinnerungen des Sohnes Lutz Rosenthal, geb. 18.09.1923 Freiberg – 11.03.2008 Rossmoor, NJ, USA:

„Ein Freund stellte ihn meinem Großvater vor, ich glaube zur berühmten jährlichen Leipziger Messe“, so schrieb Sohn Lutz Rosenthal in seinen Lebenserinnerungen: „Jüdische Väter mit Töchtern im heiratsfähigen Alter waren immer auf Ausschau nach in Frage kommenden jüdischen jungen Männern…Meine Eltern trafen sich das erste Mal am 4. Oktober 1920, verlobten sich am 10. Oktober und heirateten am 14. März 1921. Sie verbrachten ihre Flitterwochen in Meran in den Dolomiten. Sie führten eine glückliche Ehe, die tragischerweise durch den frühen Tod meines Vaters 1935 abrupt abgeschnitten wurde. Sie stritten nie (ich bin überzeugt, dass es manchmal Streit gegeben haben muss, aber nie heftig genug, dass ich es mitbekommen hätte), und obwohl es Zeiten mit viel Ärger gab – Inflation, Unterdrückung, Geldprobleme, Hitler, die Krankheit meines Vaters – glaube ich, dass sie sehr glücklich waren. Mein Vater arbeitete zuerst mit seinem Schwiegervater in der Puppenfabrik und als das nicht mehr ging, wurde er 1924 reisender Verkäufer. Es war schwere Arbeit; ich sehe ihn noch immer nachts nach Hause kommen mit seinen schweren Probekoffern…Dann, 1930, gründete er mit Hilfe seines Bruders sein eigenes Geschäft, einen Großhandel, in dem er Schreibwaren und Spielzeug verkaufte….Es war ein Kampf, aber nach einigen Anfangsschwierigkeiten begann das Geschäft zu laufen, bald darauf warf es sogar einen kleinen Gewinn ab…“ 1933 konnten sich die Rosenthals eine größere Wohnung, nun in der Olbernhauer Straße 18, leisten. „Unser Geschäft war damals größer geworden und wir brauchten mehr Platz. Es hatte Innen-WC und – der Gipfel des Luxus – ich hatte mein eigenes Zimmer. Ich liebte die Wohnung, wir alle liebten sie, aber wir wohnten nur zwei Jahre dort, bis zum Tod meines Vaters“.
Lutz Rosenthal erinnerte sich an den „Judenboykott“ am 1. April 1933: „Wir… bekamen einen fürchterlichen Schreck, als spät abends die Klingel unserer Wohnung ertönte und ein großer stämmiger, braun gekleideter Nazi vor der Tür stand. Es stellte sich heraus, dass es der Besitzer unseres Lebensmittelladens war, der zwar ein hohes Tier in der Partei war, jedoch kam, um uns zu beruhigen, dass wir nicht belästigt würden, da – wie er sagte – er zwar mit ganzem Herzen der Politik des Führers zustimme, diese Politik sich aber nicht gegen ´nette´ Juden wie uns wenden würde. Wahr ist, dass weder wir noch irgendwelche andere Juden in Freiberg während dieser ersten Jahre körperlich verletzt wurden (das war so ganz anders in den größeren Städten, wo Tausende geschlagen und in KZ verschleppt wurden, von denen einige noch nicht einmal Juden waren, sondern nur, weil sie jüdisch aussehende Nasen hatten oder verdächtige Familiennamen trugen, verfolgt wurden). Was jedoch fast genauso schlimm war, war die ökonomische Strangulation – jüdische Arbeiter wurden entlassen, jüdischen Freiberuflern wurde untersagt zu praktizieren und jüdische Geschäfte mussten bald wegen Mangel an Kunden schließen. Der Boykott an sich wurde übrigens einige Wochen später aufgehoben, vermutlich wegen der Proteste von Hindenburg, der zumindest formell noch Reichspräsident war. Als Hindenburg ein Jahr später starb, trauerten alle – einschließlich wir – um ihn, obwohl er doch erheblich für Hitlers Machtantritt mitverantwortlich war. Das Jahr 1934 brachte den Röhm-Putsch, die ‘Nacht der langen Messer‘, bei dem Hitler unter einem Vorwand alle seine Gegner von links und rechts los wurde. Die Leute sagten: ´Jetzt haben sie angefangen, sich selbst zu bekämpfen; jetzt wird es bald vorbei sein´, aber das war es natürlich nicht. Dann schickte Hitler seine Armee ins Rheinland, das nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages eine entmilitarisierte Zone war, und erneut schöpften die Leute Hoffnung und meinten: ´Jetzt ist er zu weit gegangen; England und Frankreich werden ihm bald eine Lektion erteilen´, aber nichts geschah. Auf dem Nürnberger Parteitag später in jenem Jahr wurden strikte antijüdische Gesetze verabschiedet – die sogenannten Rassegesetze – und nun wurde es für alle, auch die blindesten der deutschen Juden offensichtlich, dass Emigration der einzige ihnen offene Weg war. Die Frage war nicht mehr länger ob, sondern wohin…“ Völlig überraschend verstarb Willy Rosenthal an den Folgen einer an sich harmlosen Operation am 16. Dezember 1935 im Freiberger Krankenhaus.

Willy Rosenthal mit Schwägerin Lisbeth auf der Nürnberger Spielwarenmesse

Willy Rosenthal mit Schwägerin Lisbeth auf der Nürnberger Spielwarenmesse

Grab von Willy Rosenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, Aufnahme 1996

Grab von Willy Rosenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, Aufnahme 1996

Lutz (hinten, 2. v. re.) 1938 in der Landwirtschaftsschule Bet Schemen/Palästina

Lutz (hinten, 2. v. re.) 1938 in der Landwirtschaftsschule Bet Schemen/Palästina

Lutz (Lewis) Rosenthal im Kreis der Familie seiner Tochter Felicitas, USA, Aufnahme ca. 1996/97

Lutz (Lewis) Rosenthal im Kreis der Familie seiner Tochter Felicia Relkin, USA, Aufnahme ca. 1996/97

 

 

 

 

 

 

 

„Die 15 Monate in Deutschland zwischen dem Tod meines Vaters und unserer Emigration waren die Hölle. Meine Mutter und ich konnten nicht über den Verlust meines Vaters hinwegkommen; sie weinte die ganze Zeit und ich fühlte vage, dass es an mir war, ihr zu helfen und ihr Mut zu machen, aber ich wusste nicht wie. Wir zogen aus unserer sehr großen Wohnung in eine viel kleinere, zusammen mit den Großeltern (in die Gabelsberger Straße 15 – M. D.)…Die Schule war zur Tortur geworden – ich wurde vollkommen ignoriert (wenn ich ´Glück´hatte, wenn nicht, wurde ich verspottet und geschlagen). Das Schlimmste von allem war, dass unsere Gesuche für ein Visum in einer Unmasse bürokratischer Regelungen versumpft waren und sich nicht vorwärts zu bewegen schienen. Im Frühjahr 1936 schrieb mein Onkel aus Palästina und schlug vor, dass meine Mutter zu Besuch kommen solle, bevor sie eine endgültige Entscheidung über die Emigration traf…Und dann plötzlich, im Frühjahr 1937, nahmen die Dinge ihren Lauf. Wir bekamen schließlich unsere Visa. Unsere Möbel wurden in eine 5 qm große Kiste verpackt und nach Palästina verschifft (1937 war das noch zulässig – wenige Monate später wäre das unmöglich gewesen).  Der Rest unseres Besitzes wurde verkauft. Ich hielt es eher für einen Spaß, dass Leute in unsere Wohnung kamen und Geld, sehr wenig Geld übrigens, für all´ diese Sachen einschließlich meines Spielzeugs bezahlten; meine Mutter muss wenig begeistert gewesen sein. Am 22. März 1937 verließen wir Freiberg, verbrachten weitere zwei Wochen in München, um uns von unserer Familie zu verabschieden. Es war das letzte Mal, dass ich Fritz (Bruder von Willy Rosenthal – M. D.) und meine Großmutter (Jenny Rosenthal, geb. 1868 in Fürth – 1942 Flucht in den Tod nach Erhalt des Deportationsbefehls – M. D.) sah. Am 13. April reisten wir mit dem Zug nach Triest und am nächsten Tag gingen wir an Bord eines italienischen Linienschiffes nach Haifa. Wir waren nur ein wenig seekrank und aufgeregt, vor allem aber glücklich, lebend entkommen zu sein. Es war noch einige Jahre vor dem eigentlichen Holocaust, und viele Juden sahen den Nazismus noch immer als eine vorübergehende Geißel an, aber ich denke, wir verstanden, dass wir ein neues Leben begannen und dass das gut sein würde. Nach fünftägiger Schiffsreise durch die Adria und das Mittelmeer holte uns mein Onkel Guido in Haifa ab und brachte uns nach Bat Yam.“ Lutz Rosenthal übersiedelte 1954, nach zwei Jahren Aufenthalt auf Kuba, in die USA, wo er 1956 seine Frau Vera (geboren 1927 in Budapest) heiratete.
Seine Mutter Julia verstarb im August 1968 in New York. Lutz, nun Lewis Rosenthal, arbeitete bis 1983 als Mathematik-Lehrer an einer High-School. Seine über alles geliebte Frau Vera verstarb im August 1987 in New York, Lutz am 11. März 2008 in Rossmoor, New Jersey. Seine tiefe menschliche Wärme teilte sich in jenen Zeilen mit, die er kurz vor seinem Tod für seine Tochter, eine New Yorker Ärztin, aufgeschrieben hatte: „Während ich diese Zeilen niederschreibe, habe ich meinen 80. Geburtstag überschritten, und ich denke sagen zu können, ein langes und ereignisreiches Leben gelebt zu haben. Alles in allem war es ein gutes Leben. Obwohl es sicherlich sein Maß an Kummer und Enttäuschungen bereithielt, gab es andererseits auch ein großes Glück: 34 wundervolle Ehejahre mit meiner geliebten Vera, eine wundervolle und liebende Tochter, Enkel, auf die ich stolz sein kann und viele treue Freunde.“

Die vollständigen Erinnerungen von Lutz ROSENTHAL: Die Geschichte der Familie Rosenthal, sind abgedruckt in: Michael Düsing: Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan, Freiberg 1995, S.35-93
erhältlich bei der Geschichtswerkstatt Freiberg (Schutzgebühr 5 €)


zurück zu A – F

zurück zu G – L

vor zu S – Z

nach oben