Jüdische Familien und Personen G bis L


Günzburger, Kurt

Kurt Günzburger, Passfoto, etwa 1939

Kurt Günzburger, Passfoto, etwa 1939

Am Roten Weg 17 wohnte in den 30er Jahren der Büroleiter des Freiberger Schocken-Kaufhauses, Kurt Günzburger, mit seiner Familie.

Geboren 1897 in Berlin in einer gut situierten Fabrikantenfamilie, hatte er in Zwickau eine Lehre als Kaufmann absolviert, dort seine spätere (nichtjüdische), aus Leipzig stammende Frau Dora kennen gelernt, die er 1924 heiratete. Mit Einwilligung seines Vaters Julius meldete er sich im August 1914 als einjährig Freiwilliger in das stehende Heer an. 1916 bis 1918 war er Kriegsteilnehmer in einem sächsischen Feldartillerieregiment und erhielt dafür vom sächsischen König die „Friedrich-August-Medaille“ in Bronze und Silber. Nach Anstellungen als Buchhalter in Zwickau, unter anderem bei den Horchwerken, begann er 1926 für das Schocken-Unternehmen zu arbeiten. Er war Abteilungsleiter in verschiedenen Warenhäusern, zunächst in Cottbus, kurzzeitig auch in Stuttgart und Waldenburg. Schließlich trat er am 27. Dezember 1929 eine Stelle als Büroleiter des Schocken-Kaufhauses in Freiberg an. 1931 wurde Tochter Eleonore in Freiberg geboren.

Kurt Günzburger muss ein sehr beliebter Personalchef gewesen sein, glaubt man den Erinnerungen ehemaliger Angestellter, die in den letzten Jahren noch befragt werden konnten. Er sei ein „ausgezeichneter Verwaltungskaufmann“, bescheinigte ihm denn auch die Schocken-Zentrale, als sie das Arbeitsverhältnis mit ihm wie mit allen noch verbliebenen jüdischen Angestellten im Frühjahr/Sommer 1938 aufheben musste. Salman Schocken war gezwungen worden, seinen Konzern verlustreich an „arische“ Eigentümer zu verkaufen.

Dem Juden Günzburger half nicht, dass er noch 1934 das von Reichspräsident Paul von Hindenburg gestiftete Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen bekommen hatte. In der Pogromnacht im November 1938 wurde er zusammen mit anderen Freiberger Juden verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt. Noch am gleichen Tag, am 11. November 1938, zog das Freiberger Polizeiamt die Reisepässe von Kurt und Dora Günzburger ein. Bis Ende Dezember 1939 wurde Günzburger im KZ Buchenwald gefangen gehalten und erst entlassen, als er sich verpflichtet hatte, Deutschland umgehend – ohne Frau und Kind – zu verlassen. Kurt wollte zu seiner Tante Marta nach Los Angeles ziehen. Die hatte allerdings ihr letztes Geld geopfert, um für ihre Mutter ein Affidavit zu besorgen. Es gelang Kurt, ein Visum für Chile zu erhalten. In Santiago de Chile angekommen, musste er in den Süden des Landes ziehen, wo die deutschstämmigen Siedler wohnten. Bei seiner Ankunft gaben ihm die Siedler zu verstehen, dass er nur geduldet sei und sich jeder politischen Aktivität gegen das Deutsche (Nazi) Reich zu enthalten habe. So lebte er ab Oktober 1939 in Temuco, Chile. Er wohnte in der Nähe des Bahnhofs und verkaufte Federvieh aus der landwirtschaftlich geprägten Umgebung nach Santiago. Ehefrau Dora sah er erst 1949, nach zehn Jahren Trennung, wieder – seine Tochter nie. Sie starb 1947, mit nur 16 Jahren, in Freiberg an Diphtherie und Lungenentzündung. Später, viele Jahre nach Kriegsende, schilderte Kurt Günzburger in einer eidesstattlichen Versicherung, was seine Tochter Lore als „Judenkind“ in Freiberg hatte erdulden müssen: „Den ersten Schock erlitt Lore, als Nachbarkinder ihr erklärten, dass sie nicht mehr mit ihnen spielen dürfte, da sie Jude wäre, obwohl sie zu dieser Zeit bereits evangelisch getauft war. Nach meiner Verhaftung und siebenwöchentlichem Aufenthalt im Konzentrationslager Buchenwald kehrte ich mit geschorenen Haaren nach Hause zurück und Lore war in ihrem 7ten Lebensjahr so entsetzt, dass sie mir sagte, sie könnte mit mir nur auf die Straße gehen, wenn ich einen Hut aufsetzte. Schon während ihres Schulbesuchs der Volksschule wollte oder sollte Lore Klavierunterricht bekommen, aber dies wurde ihr versagt, ebenso wie sie bei Umschulung im Jahre 1941 nicht die Oberschule, sondern nur die Mittelschule besuchen durfte. Da Lore Mischling I. Grades war, wurde sie während ihres Mittelschulbesuches von verschiedenen Lehrern und auch Mitschülerinnen geschnitten, war von kulturellen Veranstaltungen gänzlich ausgeschlossen, was sich dann schlagartig nach 1945 änderte. Da Lore ständig in ihrer Klasse die erste Schülerin war, wollte sie nach beendetem Schulbesuch im Jahre 1947 zur Universitätsvorschule nach Chemnitz, da sie – da nur 16 Jahre alt – auf der Universität in Leipzig nicht zugelassen wurde. Während der Examensarbeiten erkrankte Lore an Diphtherie, wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo sich noch eine doppelseitige Lungenentzündung dazugesellte und verstarb am 30. Juni 1947

Tochter Eleonore, Aufnahme 1940

Tochter Eleonore, Aufnahme 1940

Schreiben des JM-Untergau Freiberg v. 5. März 1941

Schreiben des JM-Untergau Freiberg v. 5. März 1941

Dora und Kurt Günzburger 1968

Dora und Kurt Günzburger 1968

"Judenkennkarte" Kurt Günzburger

„Judenkennkarte“ Kurt Günzburger

 

 

 

 

 

 

Auch Kurt Günzburger hatte seine Eltern verloren. Sie waren im Januar und Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen ums Leben gekommen. Nach Kriegsende versuchten die Günzburgers, die Spur von Verwandten in aller Welt wiederzufinden. Sie wussten nicht, wer wo überlebt hatte. Bruder Fritz schrieb im August 1945 an Kurt: „Der lb. Vater ist im Januar und die lb. Mutter im Februar 1945 in Bergen Belsen an Schwäche gestorben…Die Eltern waren im soge. Altersheim, Baracke 28, untergebracht gewesen. Sie brauchten da nicht zu arbeiten und hatten auch andere kleine Entgegenkommen, die sie aber nicht vor dem Verhungern schützten. Die schlimmste Zeit haben sie nicht mehr mitzumachen brauchen. Die Zeit, wo die Evakuierten aus den anderen Lagern nach Belsen kamen und das Lager überfüllt war und schreckliche Krankheiten ausbrachen, an denen die Opfer unter großen Schmerzen starben…Die Eltern wurden Anfang März 1943…von zu Hause weggeholt und kamen erst nach Westerborck, dem holländischen Durchgangslager…Diesen Winter haben die lb. Eltern nun nicht überlebt. Ich hoffte immer, dass sie nach Palästina ausgetauscht worden waren, aber leider war diese Hoffnung eitel.“
1966 übersiedelte das Ehepaar Günzburger aus Chile nach Herne ins Ruhrgebiet. Sein Bruder Fritz, der sich mit Familie in Holland versteckt gehalten hatte und im holländischen Widerstand gegen die Nazi-Besatzer aktiv gewesen war, hatte sich dort eine neue Existenz aufgebaut. Kurt Günzburger starb 1976, seine Frau 1994.

Obenstehender Beitrag ist ein – ein aktuell ergänzter – Auszug aus: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933-1945. Dresden 2011 (vergriffen; auf Anfrage noch als PDF erhältlich über Geschichtswerkstatt Freiberg)

Lesen Sie auch: Hanneke & Peter Schmitz, Die Günzburger. Eine deutsch-jüdische Familiengeschichte. FRISCHTEXTE Verlag Herne 2015


Henochsberg, Albert

Oberingenieur/ Unternehmer in Freiberg
geb. 11.01.1874 Worms – gest. 16.06.1941 Dresden,
Arbeit als Wasserbauingenieur in Amberg, Nürnberg und Frankfurt a. Main,
ab 15.09.1900 Wasserbautechniker beim „Städtischen Gas- und Wasserwerk“ der Stadt Freiberg, 1906 – 1907 Betriebsleiter der Wasserwerke Freiberg; ab 1907 Mitinhaber, später Inhaber der Fa. August Loeffler GmbH
Eheschließung am 21.07.1908 mit einer nicht-jüdischen Frau (Käthe); am 10.08.1908 Erwerb der sächsischen Staatsbürgerschaft, am 15.08.1908 evang-luth. Taufe in der Freiberger Nikolaikirche;
Gründungsmitglied des DÖAV (Deutscher und Österreichischer Alpenverein, Sektion Freiberg) – 1929 erhält er das silberne Ehrenabzeichen für 25jährige Mitgliedschaft; 1933 Ausschluss als „Jude“

Die Familie des Bauunternehmers Albert Henochsberg; undatiert, Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG, Inv.-Nr. 10884

Die Familie des Bauunternehmers Albert Henochsberg; undatiert, Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG, Inv.-Nr. 10884

Ausflug in die Sächsische Schweiz, v.li.: Ehepaar RA Speisebecher, Ehepaar Bauunternehmer Richter, Ehepaar Henochsberg

Ausflug in die Sächsische Schweiz, v.li.: Ehepaar RA Speisebecher, Ehepaar Bauunternehmer Richter, Ehepaar Henochsberg; Archiv Düsing

 

 

 

 

 

 

 

 

Auszug aus einer Eintragung auf der Website der Stadt Freiberg:

Ende des 19. Jahrhunderts veranlasste der steigende Wasserverbrauch der Stadt Freiberg den Rat der Stadt, Untersuchungen für das Erschließen neuer Wasserressourcen anzustellen. Eine dieser Untersuchungen kam zu dem Ziel, das Wasser der Gimmlitz bis nach Freiberg zu leiten und als Trinkwasser zu nutzen. Man ging dabei von einer zukünftigen Einwohnerzahl von 45.000 in der Stadt Freiberg aus. Eine Studie des Ingenieurs Albert Henochsberg, die als „Denkschrift über die Wasserversorgung der Stadt Freiberg“ 1902 erschien, zeigte mehrere Möglichkeiten der Wasserversorgung auf. Henochsberg war Wassertechniker und wurde am 1. Oktober 1900 in der Stadtverwaltung Freiberg eingestellt. Mit dem Tiefbauunternehmen Löffler sollte Henochsberg die Frage der Freiberger Wasserversorgung klären. Der Ingenieur erhielt die Weisung , „unter Benutzung der zahlreichen Vorarbeiten und Gutachten, aber ohne an die bisher eingeschlagenen Wege sich irgendwie zu binden, nach allen für Freibergs Wasserversorgung in Betracht kommenden Möglichkeiten zu suchen“. Zur Erreichung dieses Zieles wurde ihm völlig frei Hand gelassen. Er favorisierte ganz eindeutig die Gimmlitzvariante. Dazu sollten laut Denkschrift Wassernutzungsrechte für die Summe von 75.000 Mark im Talbereich der Gimmlitz erworben werden. Man dachte dabei an Bereiche oberhalb von Lichtenberg auf den Gemarkungen Burkersdorf, Frauenstein und Nassau.

Einer Bremer Passagierliste der Norddeutsche LLoyd, Bremen zufolge, unternahm A. Henochsberg mit Frau Käthe und Tochter Thea noch im Juli 1933 eine „Polarreise“ mit der „General von Steuben“.

Weitere Einzelheit zur Biografie v. A. Henochsberg sind (noch) nicht bekannt.


Heymann, Wilhelm und Hildegard, geb. Brauer

Wilhelm Heymann, Aufnahme um 1926

Wilhelm Heymann, Aufnahme um 1926

Wilhelm Heymann war 1930 der Nachfolger von Carl Lewin als Freiberger Kaufhausdirektor. Ein „Verkäufer von bestem Schlag“, „Kenner aller Branchen und jedes Warenhauses“, so urteilten Freunde und Bekannte über Wilhelm Heymann, als ihn Salman Schocken Ende 1930 zum Direktor des Freiberger Schocken-Kaufhauses ernannte. Er war erst 26 Jahre alt. 1904 in Schientochlowitz bei Kattowitz (heute: Świętochłowice) in Schlesien geboren, absolvierte er ab 1919 eine kaufmännische Ausbildung in Breslau und arbeitete als Verkäufer unter anderem in Berlin und Stuttgart. Etwa 1926/1927 kam er an das Freiberger Kaufhaus.

Eine glänzende Karriere in Aussicht, heiratete Wilhelm Heymann am 1. Januar 1931 seine aus Hindenburg (heute: Zabrze) stammende Hilde, geborene Brauer. Das Familienglück ließ nicht lange auf sich warten: am 19. Dezember 1931 kam Ursula zur Welt. Nur ein Jahr später, am 13. November 1932, belebte Sohn Norbert die „Direktorenvilla“ in der Herzog-Heinrich-Straße. Privat und geschäftlich schien alles zum Besten zu stehen.

Hochzeitsreise nach Mailand. Hildegard und Wilhelm Heymann vor dem Mailänder Dom 1931

Hochzeitsreise nach Mailand. Hildegard und Wilhelm Heymann vor dem Mailänder Dom 1931

Norbert und Ursula Heymann, Aufnahme Atelier O. Hertel Freiberg 1934

Norbert und Ursula Heymann, Aufnahme Atelier O. Hertel Freiberg 1934

Wilhelm und Ursula Heymann mit Kinderfrau Maria Bielig, um 1934

Wilhelm und Ursula Heymann mit Kinderfrau Maria Bielig, um 1934

Norbert und Ursula Heymann, Winter 1935; Photohaus Zacharias, Regensburg

Norbert und Ursula Heymann, Winter 1935; Photohaus Zacharias, Regensburg

 

 

 

 

 

 

 

Aber nur wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes kamen die Nazis an die Macht. Mit dem 30. Januar 1933 begann die systematische Vernichtung der Lebensgrundlagen aller Juden in Deutschland und die Zerstörung des jüdischen Schocken-Konzerns. 1934 erreichte Wilhelm Heymann jedoch noch die Berufung auf den Direktorenposten des Schocken-Kaufhauses in Regensburg. Zum Judenpogrom am 9./10. November 1938 wurde Wilhelm Heymann verhaftet und aus Regensburg in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Der Entlassung aus dem KZ folgte 1940 die Einweisung der jungen Familie in ein Regensburger „Judenhaus“. Wem die Flucht ins Exil nicht mehr gelang, geriet endgültig in die anlaufende Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands. Wilhelm Heymann verlor seine „bürgerliche“ Existenz. Am 2. April 1942 zählten Wilhelm und Hilde Heymann, zusammen mit ihren 10 und 9 Jahre alten Kindern Ursula und Norbert zum ersten Transport Regensburger Juden, die in das polnische Ghetto Piaski deportiert wurden. Entweder noch dort oder bei einem der von Piaski in das Vernichtungslager Belzec abgehenden Transporte wurde die Familie Heymann ermordet.

siehe auch: Verfolgung und Deportation der Regensburger Juden

Verlegung der Stolpersteine für Familie Heymann vor ihrer letzten Freiberger Wohnung Herzog-Heinrich-Straße 12 (heute H.-Heine-Str.)

Verlegung der Stolpersteine für Familie Heymann vor ihrer letzten Freiberger Wohnung Herzog-Heinrich-Straße 12 (heute H.-Heine-Str.)

Die "Schocken-Villa" in der Herzog-Heinrich-Straße (H.-Heine-Str.)

Die „Schocken-Villa“ in der Herzog-Heinrich-Straße (H.-Heine-Str.)

Freiberger Kinder sehen die Stolpersteine u.a. für Ursula und Norbert Heymann

Freiberger Kinder sehen die Stolpersteine u.a. für Ursula und Norbert Heymann

Heymanns letzte Wohnung in Regensburg

Heymanns letzte Wohnung in Regensburg, Dechbettener Straße 44

 

 

 

 

 

 

 

 


Hirschfeld, Hermann und Emma, geb. Hirsch

Hirschfeld, Hermann, geb. 17.11.1849 bei Danzig, Kaufmann, Inhaber eines Woll- und Weißwarengeschäfts in der Erbischen Straße 6; am 20.07.1887 nach Oederan verzogen
Hirschfeld, Emma, geb. Hirsch, geb. 23.08.1854 in Frankfurt /Oder

Söhne:
Hirschfeld, Max Oskar, geb. 09.11.1885 in Freiberg, gefallen im 1. WK am 12.10.1915, Truppenteil 1/R. Feldartillerie R. 24, Verlustmeldung Nr. 220 Sa.

Hirschfeld, Gotthilf Johannes, geb. 08.01.1887, Kaufmannslehrlin;  in Freiberg von 1902 – 1917 (lt. EW-Verzeichnis)

Bruder von Hirschfeld, Hermann:
Hirschfeld, Adolf: Betreiber eines Bekleidungsgeschäfts Erbische Straße 15

Geschäftsaufgabe. Freiberger Anzeiger 17.04.1887

Geschäftsaufgabe. Freiberger Anzeiger 17.04.1887

Weihnachtswerbung Adolf Hirschfeld im Freiberger Anzeiger

Weihnachtswerbung Adolf Hirschfeld im Freiberger Anzeiger

 

 

 

 

 

 

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Hofmann, Werner, Dr.

Dr. Werner Hofmann, Ehrensenator und Ehrendoktor der Bergakademie Freiberg, Direktor der Porzellanfabrik Freiberg

Dr. Werner Hofmann, Ehrensenator und Ehrendoktor der Bergakademie Freiberg, Direktor der Porzellanfabrik Freiberg

geb. 28.08.1878 in Meiningen;
Studium: fünf Semester an der TH Darmstadt Elektrotechnik; Vordiplom 30.04.1900; 1900 – 1902 TH Karlsruhe, Diplom 08.02.1903
1903: Tätigkeit im elektrischen Prüffeld der Porzellanfabrik Hermsdorf
1904 – 1906: Projektierung, Bau und Ausrüstung der Porzellanfabrik Freiberg
1906 – 1930 Direktor der Porzellanfabrik Kahla/ Werk Freiberg, Frauensteiner Str. 45
1912: Vorstandsmitglied der Porzellanfabrik Kahla
1923 – 1930: Schatzmeister und Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Freunde der Bergakademie Freiberg
1924: Ernennung zum Ehrensenator der Bergakademie Freiberg
1929: Verleihung der Ehrendoktorwürde der Bergakademie Freiberg
1929: Vorsitzender des Aufsichtsrats der Tonwarenfabrik Schwandorf und Mitglied des Aufsichtsrats der Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther
01.10.1930: Ausscheiden aus der Porzellanfabrik Freiberg

Wegen seiner jüdischen Abstammung durfte Dr. Werner Hofmann ab dem Studienjahr 1934/35 nicht mehr im Personal- und Vorlesungsverzeichnis der Bergakademie Freiberg namentlich erwähnt werden.

Am 3. März 1939: Flucht in den Tod in Dresden

Luftaufnahme der Porzellanfabrik Kahla, Werk Freiberg, um 1930; Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG

Luftaufnahme der Porzellanfabrik Kahla, Werk Freiberg, um 1930; Fotothek Stadt- und Bergbaumuseum FG

TU Bergakademie Freiberg, Senatsbeschluss Juli 1996

TU Bergakademie Freiberg, Senatsbeschluss 23. Juli 1996

"Jude" - Streichung aus der Lister der Ehrendoktoren

„Jude“ – Streichung aus der Liste der Ehrendoktoren

Amtsblatt des Kreises Freiberg am 11.12.1996

Amtsblatt des Kreises Freiberg am 11.12.1996

 

 

 

 

 

 

 


Jacobsohn, Siegfried und Eva, geb. Spiro

Jacobsohn, Siegfried („Fritz“), geb. 12.12.1888 Schwetz (Świecie) an der Weichsel – gest. 07.12.1965 Ramat Gan (Israel)
Ehefrau Eva Chava, geb. Spiro, 23.03.1899 Flatow /Westpreussen) – verwandt mit den Schocken-Geschwistern (Mutter Lea, geb. Schocken; deren Brüder: Salman, Simon und Hermann) – Hochzeit am 15.09.1921 in Hamburg – gest. 13.01.1996 Ramat Gan (Israel)

Siegfried Jacobsohn

Siegfried Jacobsohn

Eva Jacobsohn

Eva Jacobsohn

Tochter: Gertrud (Ruth), geb. 14.02.1923 Regensburg, Schülerin an der Höheren Mädchenschule in Freiberg – mit den Eltern im März 1936 über die Niederlande in das damals britische Mandatsgebiet Palästina (1937) ausgewandert; verheiratete Gertrud Klimowski (Israel)
Sohn Kurt, geb. 09.02.1932 Nürnberg – Flucht über die Niederlande nach Palästina, lebte später in den USA

Siegfried Jacobsohn arbeitete u.a. am Schocken-Kaufhaus in Regensburg, dann als Kaufmännischer Direktor am Schocken-Kaufhaus Nürnberg. Hier war er übler Hetze durch das antisemitische Hetzblatt der Nazis „Der Stürmer“ ausgeliefert. Über eine Zwischenstation in Hamburg 1934 wurde Jacobsohn 1934/35 als Direktor des Schocken-Kaufhauses nach Freiberg/Sa. in der Nachfolge von Wilhelm Heymann berufen, der nach Regensburg ging.

Vorfahren von Eva Jacobsohn, geb. Spiro:
Vater:
Jacob Spiro, geb. 18.05.1855 in Neustadt bei Pinne (Provinz Posen); Besitzer des Warenhauses Schocken in Bremerhaven, wohnhaft Oberstraße 136 in Hamburg;
Mutter: Lea Spiro, geb. Schocken, geb. 05.06.1895 in Flatow (eine Schwester von Salman, Simon und Hermann Schocken)

Ich kam mit meinen Eltern erst 1935 nach Freiberg und wir mussten die Stadt schon 1936 wieder verlassen„, erinnerte sich Gertrud Klimowski in Briefen nach Freiberg in den 1990er Jahren.
Nach dem Weggang Karl Lewins, der 1930 das neue Schocken-Kaufhaus in Chemnitz übernommen hatte, leitete Wilhelm Heymann für wenige Jahre das Freiberger Schocken-Kaufhaus.1935 beauftragte Salman Schocken Siegfried Jacobsohn mit der Geschäftsführung des Freiberger Unternehmens. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Druck der Nazis auf die jüdischen Geschäfte in Freiberg schon bedrohliche Formen angenommen. Die „arischen“ Kunden solcher Geschäfte wurden als „Selbstmörder“ diffamiert. Lieferboykott und permanente Drohungen begleiteten den Geschäftsalltag auch des Freiberger Schocken-Kaufhauses. Eine Freibergerin, die 1935 dort eine Lehrstelle erhielt, wurde auf dem Arbeitsamt als ,,Judenhure“ beschimpft. Für die wenigen in Freiberg verbliebenen jüdischen Familien – Getrud Klimowski erinnerte sich an die Familien Wangenheim, Luft und Rosenthal – gestalteten sich die Lebensbedingungen immer schwieriger. Jüdische Gottesdienste hatten die Nazis in Freiberg unmittelbar nach ihrer Machtübernahme untersagt. „Wir fuhren zu den jüdischen Feiertagen deshalb nach Dresden, wo ein Onkel meiner Mutter (Hermann Schocken) lebte“, erinnerte sich Frau Klimowski.“Zum wöchentlichen Religionsunterricht kam ein Herr Anschel aus Dresden nach Freiberg. Ich besuchte das Freiberger Lyceum (Quinta, Quarta). Bei dieser Gelegenheit möchte ich dankbar erwähnen, dass der Direktor des Lyceums mich (als einzige jüdische Schülerin der Schule) von dem am Sonnabend stattfindenden ,Rassenkunde‘-Unterricht befreite. Diese menschliche Haltung habe ich nicht vergessen.“ (Direktor der Höheren Mädchenschule war zu dieser Zeit der Germanist und Pädagoge, Oberstudiendirektor Dr.Walther Herrmann, zugleich Vorsitzender des Freiberger Altertumsvereins 1925 – 1945)


Jellin, Siegfried

geb. 09.11.1863; in Tschirnen (Eintrag im Meldebuch: „Dissident, vorher mosaisch“); kam am 09.04.1884 nach Freiberg und begründete hier eine „Rohproduktenhandlung“ / Wasserturmstr.15; Konvertierung zum ev.-luth. Glauben
verheiratet mit Jellin, Rosa Ida Pauline, geb. 25.03.1866 in Freiberg, nicht-jüdisch

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Jessel, Leon

u.a. Kapellmeister am Freiberger Theater

Leon Jessel

Leon Jessel

geb. 22.01.1871 Stettin – verstarb am 04.01.1941 nach Gestapo-Haft in Berlin
Sohn des Kaufmanns Samuel Jessel und seiner Frau Mary (Amerikanerin); Abbruch Gymnasium, um sich dem Theater zu widmen, 1894 Austritt aus der Jüd. Gemeinde, Hochzeit, begann Laufbahn als Kapellmeister in Lübeck, Stationen in Kiel, Bielfeld, FREIBERG und Chemnitz. 1911 nach Berlin,
Populäre Lieder: „Parade der Zinnsoldaten“, „Aufzug der Stadtwache“, „Unter afrikanischem Himmel“, vor allem aber Operetten:1913: „Die beiden Husaren“; Durchbruch 1917 mit der an der Komischen Oper Berlin uraufgeführten Operette „Schwarzwaldmädel“ (innerhalb v. 10 Jahren fast 6.000x aufgeführt – 1950 verfilmt mit Sonja Ziemann)
Darin die Polka „Mädel aus dem schwarzen Wald“ und der Walzer „Erklingen zum Tanze die Geigen“;
1921 zweite Hochzeit, Frau Anna. Goebbels soll Jessel 1929 in seine Berliner Privatwohnung eingeladen haben; Frau Anna trat 1932 der NSDAP bei (Ausschluss 1933/34, weil sie die Scheidung verweigerte)

Ab 1933 durften seine Stücke in Deutschland nicht mehr aufgeführt werden, obwohl er sich den Nazis anzudienen versuchte.
Am 15.12.41 wurde Leon Jessel in die Gestapo-Leitstelle Berlin-Mitte vorgeladen. Grund war ein 1939 geschriebener, bei einer Hausdurchsuchung gefundener Brief an seinen Librettisten Wilhelm Sterk nach Wien, in dem Jessel geschrieben hatte: „Ich kann nicht arbeiten in einer Zeit, wo Judenhetze mein Volk zu vernichten droht, wo ich nicht weiß, wann das grausige Schicksal auch an meine Tür klopfen wird.“ Von der Gestapo wurde Jessel in einem Keller des Polizei-Präsidiums am Alexanderplatz so schwer misshandelt, dass er schwer erkrankte und am 4. Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin verstarb.

Ausführlich unter http://operetta-research-center.org/leon-jessel/


Keßler, Robert und Lea, geb. Lachmann

geb. 24.02.1866 Hamm/Westfalen
Ehefrau: Lea, geb. Lachmann, 02.04.1863 in Lißa, Posen
Kaufmann in Freiberg 1882-1893; Eröffnung: 5. März 1892 „Herren-Mode-Basar“ Weingasse/Ecke Borngasse / Borngasse 2; Vorbetreiber: Gutmann, Sally, geb. 1860 (im Adressbuch 1886 und 1889); Ehefrau Ottilie G., geb. 1862

„Herren-Garderobe- und Hutgeschäft“ (im Adressbuch 1889) – Geschäftsaufgabe vor Weihnachten 1893

Eröffnungsanzeige 5. März 1890 (Freib. Anzeiger)

Eröffnungsanzeige 5. März 1890 (Freib. Anzeiger)

Werbeanzeige Sommer 1892 (Freib. Anz.)

Werbeanzeige Sommer 1892 (Freib. Anz.)

Geschäftsaufgabe im Dezember 1893

Geschäftsaufgabe im Dezember 1893

Borngasse 2/Ecke Weingasse - heutige Ansicht

Borngasse 2/Ecke Weingasse – heutige Ansicht

 

 

 

 

 

 

Auszug aus: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“. Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945. Dresden 2011:

Nur wenige Jahre, vermutlich von Mitte der 80er Jahre bis 1893/94, lebte die Kaufmannsfamilie Keßler in Freiberg. Robert Keßler, geboren 1866 in Hamm / Westfalen, und seine Frau Lea, geb. Lachmann 1863 in der Provinz Posen, übernahmen den Textilladen von Sally Gutmann und führten ihn als „Herrenmodebazar“ in der Borngasse 2/Ecke Weingasse weiter. Sie kamen in einer Atmosphäre nach Freiberg, die durch heftige antisemitische Attacken neidischer, alteingesessener Freiberger Schneider und Händler auf die zunehmende Zahl jüdischer Geschäfte aufgeladen war. Ihren Höhepunkt erreichten die Hasstiraden, als im Herbst 1890 Keßlers Geschäft in Flammen aufging und Unterstellungen und Gerüchte Nahrung fanden, der Jude Keßler habe seinen Laden selbst angezündet, um die Versicherung zu prellen. In einem solchen Klima wurde im Februar 1893 Tochter Rosa in Freiberg geboren, im März 1894 Tochter Ilse. Da aber hatten die Keßlers bereits aufgegeben und beschlossen, Freiberg wieder zu verlassen. Nur drei Wochen nach der Geburt des zweiten Kindes verzog Familie Keßler ins fränkische Hof, in der Hoffnung, hier eine bessere Existenz begründen zu können. Die Saat des antisemitischen Hasses erreichte Tochter Rosa Beier, geb. Keßler, fünf Jahrzehnte später. Inzwischen in Berlin-Friedrichshain wohnend, wurde sie am 1. März 1943 nach Auschwitz deportiert und am Tag der Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 2. März sofort in der Gaskammer ermordet.

Tochter: Rosa, verheiratete Beier, geb. 21.02.1893 in FG; Deportation am 01.03.1942 aus Berlin nach Auschwitz

Siehe auch unter: Jüdische Familien A-F / Beier, Rosa


Kisch, Erna, geb. Spiro

geb. 10.05.1891 in Freiberg, zzt. der Geburt Burgstraße 5 (heute Nr. 3) – hier hatten die Großeltern mütterlicherseits ihr Geschäft: „Geschwister Steinberg“ (später, ab 1900: Geschäftsübernahme durch Samuel Rosenthal)
Vater: Hermann Hirsch Spiro, geb. 22.11.1857 in Posen; wohlhabender Berliner Wäschefabrikant;
Eheschließung am 19.06.1888 in Freiberg mit  Flora, geb. Steinberg; geb. 28.04.1865 in Pasewalk

Die Familie zog am 12.03.1900 nach Charlottenburg (später Ortsteil von Berlin).

Erna Spiro heiratet am 02.05.1912 in Prag den tschech. Kaufmann Alfons Kisch; Ehepaar wohnte in Berlin. Ihr Sohn wird am 05.05.1913 geboren. Die Ehe scheitert. Die Scheidung zieht sich über sieben Jahre hin. Der Vater geht nach Spanien. Der Sohn folgt ihm dorthin 1925 (er überlebt den Holocaust in London).

1935 zieht Erna K. zu ihrer nicht-jüdischen Freundin Martha Zacher und deren Mutter nach Hamburg und lebt mit Martha in einer engen lesbischen Beziehung. Im Dezember 1939 lässt sich Erna K. in HH-Hamm taufen, in der Hoffnung, sich so dem Verfolgungsdruck der Nazis entziehen zu können. Der Pflicht zum Tragen des Judensterns verweigert sie sich, da sie „Ausländerin“ (tschech. Staatsangehörige) sei. Nicht zuletzt dadurch im Visier der Gestapo erfolgen immer häufiger Hausdurchsuchungen. Sie verletzt sich bei einer und kommt sechs Wochen ins Lazarett. Inzwischen wird Freundin Martha Zacher am 26.09.41 für drei Wochen in „Schutzhaft“ im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel genommen, während zur gleichen Zeit Erna Kisch am 25. 10.1941 mit dem ersten Hamburger Transport „in den Osten“ in das Ghetto Litzmannstadt deportiert wird. Von dort aus wird sie in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) verschickt, wo sie am 10. Mai 1942 vermutlich in einem Gaswagen ermordet wird. Ihre „arische“ Freundin kommt 1942 in das KZ Ravensbrück bis zum September 1944.(Bundesarchiv – Gedenkbuch/ Shoa Victims Data Base)

Ausführliche Biografie in: Stolpersteine in Hamburg-Hamm, Landeszentrale f. politische Bildung Hamburg, o.J., S. 105ff und S. 164 ff: Meyer, Beate: Grenzüberschreitungen. Eine Liebe zu Zeiten des Rassenwahns, in: ebenda

Verlegung durch Gunter Demnig am 15.10.2008

Verlegung durch Gunter Demnig am 15.10.2008

Stolperstein für Erna Kisch, geb. Spiro in Freiberg, Burgstraße 5 (3)

Stolperstein für Erna Kisch, geb. Spiro in Freiberg, Burgstraße 5 (3)

Stadthaus I in der Burgstraße; heutige Ansicht

Stadthaus I in der Burgstraße; heutige Ansicht

 

 

 

 

 

 

 


Kottlarzik, Eduard

Die Familie Kottlarzig, bei der Max Freud eine letzte Freiberger Unterkunft gefunden hatte (siehe unter Jüdische Familien A-F), bevor er seinen im Tod endenden Weg antreten musste, blieb selbst nicht von den Rassenverfolgungen der Nazis verschont. Sie betrieb bereits seit 1891 eine Konfektionsfirma. Zuerst wurde Kinderbekleidung produziert, später entstand daraus eine Fabrik für Damen- und Herrenkonfektion, eine „Mantelfabrik“, wie sie bei den Freibergern genannt wurde. Ihr Gründer, Eduard Kottlarzig, war am 1. Juli 1859 in Breslau geboren worden und vom mosaischen zum ev.-luth. Glauben konvertiert. 1891 kam er nach Freiberg und heiratete hier am 15.12.1891 die nicht-jüdische Berta Wilhelmine, geb. 16.07.1865. Er übergab die Firma 1934 im Alter von 75 Jahren an den Sohn Lothar, geboren 1897 in Freiberg. Obwohl lutherischen Glaubens und in nichtjüdischer Ehe, galt auch der Sohn Lothar Kottlarzig den Nazis als „Halbjude“ und seine Ehe als sog. „privilegierte Mischehe“. Zunächst den antijüdischen Gesetzen kaum unterworfen, geriet Lothar Kottlarzig 1944 schließlich auch in die Zwangsmaschinerie des Nazi-Regimes. Mit anderen Freiberger „Halbjuden“ und in „privilegierter Ehe“ lebenden „Mischlingen“ oder den „arischen“ Ehemännern jüdischer Ehefrauen wurde auch Kottlarzig im Herbst 1944 durch das Arbeitsamt Freiberg zur Zwangsarbeit in ein Arbeitslager der Organisation Todt im Harz-Ort Osterode abkommandiert. Lothar Kottlarzig überlebte die Nazi-Zeit.

Ein ehemaliger Freiberger erinnerte sich:

„Meine Frau besuchte in der Zeit von 1934 bis 1942 die Körnerschule zu Freiberg. Eine von ihr sehr geschätzte Klassenkameradin war Rut(h) Kot(t)larzig, demnach auch Geburtsjahr 1928. Ihr Vater, Lothar K., war Jude und besaß in Freiberg eine Fabrik für Damen- und Herrenkonfektion auf der Langestraße, stadtauswärts links im Grundstück nach der Kreuzung Buchstraße vor dem Roßplatz. Im Nachbargrundstück befand sich die Droschkenfirma Ahnert. Die Wohnung der Familie K. befand sich im Vorderhaus, im Hof befand sich die kleine Fabrik. Die Mutter war meiner Erinnerung nach Nichtjüdin. Zur Familie gehörte noch ein Sohn, der älter als seine Schwester war. „Eines Tages“ noch vor dem Beginn des 2. Weltkrieges waren Ruth und gesamte Familie K. „plötzlich“ nicht mehr anwesend. Das Schicksal ihrer Klassenkameradin und der gesamten Familie K. bewegt meine Frau heute noch. Unsere Nachforschungen über den Verbleib der Familie K., einschließlich über das Internet, waren ergebnislos…“


Familie Kroch

Burgstraße 40 (ehemals 42); heutige Ansicht

Burgstraße 40 (ehemals 42); heutige Ansicht

2010 wurde in der unteren Burgstraße ein Haus saniert und neu bezogen, das ebenfalls in einem besonderen Zusammenhang zur jüdischen Geschichte Freibergs steht. 1909 hatte der Leipziger Bankier Samuel Kroch das Haus Burgstraße 42 (heute Nr. 40) erworben und mit Hilfe des Baumeisters Max Fröhlich aus Krummenhennersdorf in den Jahren 1912 bis 1915 von Grund auf erneuern lassen. Samuel Kroch, geboren 1853 und 1926 in Leipzig verstorben, gründete 1877 in Leipzig die Privatbank Kroch jr. KG a. A. und war seit 1923 Gründungs- und Aufsichtsratsmitglied der Leipziger Messe- und Ausstellungs-AG. Das sog. „Krochhochhaus“ am Augustusplatz, als Bankgebäude 1928 von Sohn Hans Kroch errichtet, erinnert heute wieder in altem Glanz an die bedeutende Rolle, die die Bankiersfamilie Kroch bis zur Vertreibung durch die Nazis im finanzpolitisch-wirtschaftlichen, weit darüber hinaus aber auch im kulturellen und sozialen Bereich Sachsens und der Stadt Leipzig spielten. Dafür steht z.B. der 1929 – 1930 von Hans Kroch als Hauptaktionär der AG für Haus- und Grundbesitz finanzierte Bau einer Wohnanlage des frühen sozialen Wohnungsbaus in Leipzig-Gohlis, die später im Volksmund „Krochsiedlung“ genannt wurde. Das Haus Burgstraße 42 (heute 40) in Freiberg sollte für Samuel Krochs Verwandte Ilse Kroch (leider konnte bis jetzt der Verwandtschaftsgrad nicht völlig geklärt werden) eine familiäre und berufliche Perspektive bieten. Der zum Teil abgerissene Vorgängerbau beherbergte – wie auch der Neubau – im Erdgeschoss eine Bäckerei, nun aber zusätzlich auch einen weiteren Laden, den Ilse Kroch als Textilgeschäft betrieb. Bereits seit Juli 1901 besaß Samuel Kroch die Mühle in Krummenhennersdorf, dazu einige Wald-, Wiesen- und Feldflurstücke. Gegenüber der Mühle entstand – ebenfalls nach Plänen und Ausführung des Baumeisters Fröhlich – ein Sommerhaus, dem schrittweise ein Ausschank und Restaurationsbetrieb hinzugefügt wurde.

Faksimile Briefkopf Kroch Jr., Mühlenwerke Krummenhennersdorf

Faksimile Briefkopf Kroch Jr., Mühlenwerke Krummenhennersdorf

Die Baupläne stießen immer wieder auf heftigen Widerstand, unter anderem durch den Sächsischen Heimatschutzverein. 1913 wechselte Kroch, um den Baufortschritt nicht weiter zu gefährden, den Bauträger. Die Allgemeine Hochbaugesellschaft GmbH Chemnitz (Hauptsitz Düsseldorf), die bereits vorher das Kaufhaus Tietz in Chemnitz errichtet hatte, sollte die Pläne zu Ende führen. Der Ausbruch des I. Weltkriegs verzögerte endgültig alle Pläne. Da das ab 1916 teilweise fertiggestellte Sommerhaus während des I. Weltkrieges als Lazarett für zeitweilig um die 80 Soldaten genutzt wurde, entstand 1920/21 die Vision des Umbaus in ein Sanatorium, die jedoch ebenfalls nicht recht vom Fleck kam. Schließlich verkaufte Kroch 1923 das Anwesen an Arthur Wünschmann, der ein Jahr zuvor bereits die Mühle erworben hatte. Aber 1925 erfolgte der Weiterverkauf an den „Bund für eine lebendige Volkskirche“ e. V. in Dresden als „Kirchliches Bundeshaus“, offen für „Kurse, Freizeiten und kirchliche Veranstaltungen“. In der DDR-Zeit blieb es in dieser Nutzung für die Evangelische Landeskirche Sachsen als Pastoralkolleg.

Um das Haus Burgstraße 42 (40) in Freiberg setzte mit dem Machtantritt der Nazis ein immer heftigeres Kesseltreiben gegen den jüdischen Besitzer ein. Als Beispiel mag eine Beschwerde vom 04. Mai 1939 durch den Mieter Walter K. beim Freiberger Oberbürgermeister gelten: „Wir wollen der Allgemeinheit nicht noch zumuten, die Kosten, wegen der gelinde gesagt: unverantwortlichen Art der Hausverwaltung, welche sie nicht blos in diesem fall an den Tag gelegt hat, jüdischen Interessen zuliebe bezahlen zu müssen…“ (Fehler im Original).

Exakt am 23. Dezember 1943 wurde das Krochsche Anwesen endgültig „entjudet“ und „arisiert“. Ilse Kroch gelang die Flucht vor den Nazis in die Emigration. Hans Kroch, Sohn von Samuel Kroch (1887 – 1970), wurde am 10. November 1938 von der Gestapo in Leipzig verhaftet und in das KZ Buchenwald, später in das KZ Sachsenhausen, verschleppt. Erst nachdem er im Namen aller Familienmitglieder eine Verzichtserklärung auf das Gesellschaftsvermögen des Bankhauses Kroch abgegeben hatte, wurde er freigelassen und die Bank schließlich von der Industrie- und Handelsbank AG übernommen. Hans Kroch gelang zusammen mit seinen Kindern die Flucht nach Amsterdam. Später emigrierte er nach Argentinien und wanderte schließlich nach Israel aus, wo er in Jerusalem einen Hotelkomplex errichtete. Seine Ehefrau Ella Kroch, geb. Baruch (geboren am 16. Juli 1896 in Karlsruhe), die zunächst zur Verdeckung der Flucht zurück blieb, wurde jedoch bei ihrer eigenen Flucht verhaftet. Sie kam 1940 ins KZ Ravensbrück und wurde dort am 12. Mai 1942 ermordet.

Obenstehender Beitrag ist ein Auszug aus: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933-1945. Dresden 2011 (vergriffen; auf Anfrage noch als PDF erhältlich über Geschichtswerkstatt Freiberg)


Levy, Alphonse

geb. 19.11.1838 Dresden    – 25.01.1917 Dresden
1875 Redakteur „Dresdner Nachrichten“
1881 – 1884 Red. „Sächsische Dorfzeitung“
1884 – 1893 Red. „Freiberger Anzeiger und Tageblatt“ und aktives Mitglied in Freimaurerloge „Zu den drei Bergen“ in FG (Waisenhausstr.) – in diesen Funktionen einer der Hauptinitiatoren zur Errichtung des Denkmals Otto des Reichen auf dem Freiberger Obermarkt (geplant anlässlich der 800-Jahr-Feier des Hauses Wettin 1889 (Einweihung am 6. Juli 1897)
1894 – 1917 Generalsekretär Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens; Herausgeber „Das Deutsche Reich“ (Leitung bis 1914)
unter Pseudonymen (Ernst Maurer/Alphonse Müller) u.a. historische und kunsthistorische Arbeiten
Autor: „Geschichte der Juden in Sachsen“, 1901

Titelseite "Geschichte der Juden in Sachsen"

Titelseite „Geschichte der Juden in Sachsen“

Artikel von Alphonse Levy im Freiberger Anzeiger 1889

Artikel von Alphonse Levy im Freiberger Anzeiger 1889

Flugblatt des CV deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

Flugblatt des CV deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens

Grabstein Alphonse Levy auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee

Grabstein Alphonse Levy auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee

 

 

 

 

 

 

 

Ausführlicher Aufsatz zu Alphonse Levy in den Sächsischen Heimatblättern Nr. 3 (2012):

Michael Düsing: Alphonse Levy – eine (fast) vergessene Persönlichkeit der sächsisch-deutschen Geschichte. Dresden-Freiberg-Berlin. Stationen eines Lebens


Lewin, Carl und Charlotte, geb. Hirsch

Ehepaar Lewin in der Wohnung in der Freiberger Herzog-Heinrich-Straße 12 (H.-Heine-Str.)

Ehepaar Lewin in der Wohnung in der Freiberger Herzog-Heinrich-Straße 12 (H.-Heine-Str.)

Auszug aus: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“. Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945. Dresden 2011 (siehe auch unter: Publikationen):

Eva Grünberg wurde 1920 in Freiberg als jüngste Tochter von Carl und Charlotte Lewin geboren. Der Vater leitete das im März 1914 in Freiberg eröffnete Schocken-Kaufhaus. Die Großmutter mütterlicherseits war eine Schwester der Gebrüder Simon, Salman und Hermann Schocken. Simon und Salman Schocken hatten von Zwickau aus, kurz nach der Jahrhundertwende, begonnen, eines der bedeutendsten und modernsten Kaufhausunternehmen Deutschlands zu begründen. Die Freiberger Villa der Familie Lewin in der Herzog-Heinrich-Straße 12 (heute Heinrich-Heine-Straße) wurde bald zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Es stand Gästen – jüdischen und nichtjüdischen – jederzeit offen. Vorträge über Reisen, Musikabende und Gespräche über kulturelle und auch philosophische Themen zogen viele Freiberger, vor allem auch Freiberger Studenten, an. Eva Grünberg erinnerte sich bei einem Besuch 1994 in Freiberg daran, dass zu den herausragenden Gästen in der Villa Lewin Martin Buber (1878 – 1965), einer der bedeutendsten jüdischen Religionsphilosophen und Schriftsteller der Neuzeit, aber auch der junge Gershom (Gerhard) Scholem (1897 – 1982), später bekannter Philosoph und Religionshistoriker, gehörten. Dessen Mutter Betty, eine geborene Brotzen, war eine Cousine von Franziska Dobkowsky, geborene Brotzen, die in der Freiberger Poststraße mit ihrem Mann Sally ein Textilgeschäft betrieb. Gerhard Scholem war oft in Freiberg zu Besuch mit seiner Mutter. Einmal im Jahr wurde Familientag gehalten. Mehr als 60 Gäste seien da zusammengekommen. Hermann Schocken, ihr Großonkel, der in Dresden lebte, war meist zugegen. 1930 gingen die Lewins nach Chemnitz, wo ihr Vater das neue Schocken-Kaufhaus übernahm, das von dem bedeutenden Architekten Erich Mendelsohn, einem Nachfahren des Moses Mendelsohn, errichtet worden war.

Gershom Sholem

Gershom Scholem

Der Vater war in Freiberg und Chemnitz eine angesehene Persönlichkeit und bei Juden wie auch bei der christlichen Bevölkerung beliebt. Er sei für viele nicht nur ein Berater, sondern wie ein Vater gewesen und habe vielen Freibergern, besonders auch den Leuten aus den kleinen Orten der Umgebung in den Jahren zwischen 1914 und 1930 geholfen, schilderte Eva Grünberg. „Meine Kindheitserinnerungen an Freiberg sind nicht sehr deutlich. Wir hatten ein Haus mit Garten, in dem ich meist spielte. Es war etwas ganz besonderes, wenn meine Mutter uns (sie und ihren 1912 in Geestemünde geborenen Bruder Hermann – M. D.) zum Einkaufen mit in die Stadt nahm. Ich erinnere mich an das Zigarren- und Zigarettengeschäft Sieradzki, an den Fleischer Ferdini, die Konditorei Hartmann mit den guten Mohrenköpfen mit Schlagsahne, den Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz und die Sonntagsspaziergänge in den Wald mit den Eltern, die uns ins Waldcafé Fernesiechen führten, wo es grüne Limonade und Walderdbeeren gab. Mein Vater bestellte für die jüdischen Kinder einen Religionslehrer aus Dresden, Herrn Isaak, der wöchentlich einmal Unterricht gab. Zu den hohen Feiertagen kam auch ein Vorbeter aus Dresden. Wir beteten Rosh-hashana (Jüdisches Neujahrsfest – M. D.) und Jom Kippur (Versöhnungstag – M. D.) in einem gemieteten Raum der Gaststätte ‘Stadt Dresden‘. Es gab zu meiner Zeit wenige jüdische Familien in Freiberg, darum auch kaum jüdisches Leben. Unsere Eltern lehrten uns zu Hause alles, was man in einer jüdischen Familie wissen muss. Freitags abends zündete meine Mutter die Kerzen an, mein Vater machte Kiddusch (Gebet zur die Einweihung des Sabbat – M. D.), und nach dem Essen beteten wir. An Sabbat gingen wir in die Schule und mein Vater ins Geschäft. Zum Purimsfest (ein Freudenfest anlässlich der Errettung der Juden in der jüdisch-persischen Diaspora, über die das Buch Esther im Alten Testament berichtet – M. D.) gab’s Kräbbchen zu essen und zum Pessachfest (ein Fest zur Erinnerung an den Auszug der Juden aus Ägypten eines der drei jüdischen Hauptfeste – M. D.) gab es Abende mit vielen Gästen, darunter mit unverheirateten Angestellten meines Vaters. Er las die Haggada vor (die volkstümliche Pessach Erzählung, die zu Beginn des Festes am Seder-Abend vom Hausherrn vorgetragen wird – M. D.) und erklärte sie uns. Zum Sukkotfest (das jüdische Laubhüttenfest zur Erinnerung an das provisorische Hüttenleben der Israeliten während der Wüstenwanderung – M. D.) fuhren wir mit einem Taxiunternehmen zur ‚Hütte‘ unseres Onkels Hermann Schocken nach Dresden, und Chanukka (das achttägige Lichterfest im Dezember – M. D.) zündeten wir die Kerzen im Chanukkaleuchter an. Es gab kleine Geschenke, viele Erzählungen meiner Eltern aus ihrer Jugendzeit, Äpfel, Nüsse usw…Mein Bruder, der acht Jahre älter war als ich, besuchte in Freiberg die Volksschule und später das Realgymnasium bis zur Reifeprüfung. Wir hatten auch Klavierunterricht. Ich weiß, dass mein Vater ein guter Reiter war und während des I. Weltkrieges bei der Kavallerie diente. Ich erinnere mich an die Kavalleriekaserne ganz oben hinter der Herzog-Heinrich-Straße. Oft bin ich mit den Nachbarkindern mit der Kapelle und den Reitersoldaten mitmarschiert.“

Die Lewin-Kinder: Hermann, Eva, Hana

Die Lewin-Kinder: Hermann, Eva, Hana

In seinen 1939 im Exil in Palästina geschriebenen Erinnerungen schilderte Carl Lewin die 1933 einsetzende Judenverfolgung. Er war inzwischen Direktor des Chemnitzer Schocken-Hauses: „1933 übernahmen die Nazis, mit Hitler als Reichskanzler, die Regierung und von da an wurde es für die Juden immer schlechter, was man zuerst im Geschäft merkte. Es kamen Aufrufe und Verbote, bei den Juden zu kaufen und der Umsatz sank immer mehr. Das Ziel der Regierung war, den Juden die Existenz zu nehmen und deshalb drückte ich darauf, dass Hermann (ältester Sohn, geb. 1912 – M. D.) nach England ging, um dort Handelswissenschaften und damit die englische Sprache von Grund auf zu lernen, hatte er doch schon auf der Schule große Sympathie für die englische Sprache gewonnen. Mein Gedankengang war: wenn Hermann die englische Sprache vollkommen beherrscht, kann er nach England oder Amerika gehen, um sich dort eine Existenz in irgendeiner Form zu schaffen…Als Hanna (zweites Kind der Lewins, geb. 1915 – M. D.) im Frühjahr 1935 heiratete, fasste ich den Entschluss, mich vom Geschäft zurückzuziehen. Am 1. Juli 1935 feierte ich mein 25jähriges Jubiläum bei der Firma Schocken und am 1. August trat ich aus. Im September zogen wir nach Berlin. In den Jahren 1933 bis 1935 bat ich sehr oft, dass mir Salman Schocken die Aktien, die ich, einem Vertrag gemäß, nur an ihn verkaufen durfte, abkaufte, aber er lehnte es immer ab. Im Februar 1936 gebar Hanna zwei Jungen und ich fuhr zur Brit Milah (Beschneidung jüdischer Jungen am 8. Tag nach der Geburt – M. D.) nach England. In London traf ich Salman Schocken und in der Unterhaltung mit ihm erklärte er sich bereit, die Pension, die ich lebenslang zu beanspruchen hatte, in einer Summe auszuzahlen, so dass ich so viel Geld hatte, um auswandern zu können. Da die Brit Milah verschoben wurde, fuhr ich nach Deutschland zurück, besprach alles mit Mutti und schickte später Hermann zur Brit Milah mit der Weisung, nicht mehr nach Deutschland zurückzukommen, waren wir doch fest entschlossen, Deutschland für immer zu verlassen. Hermann blieb von da ab in England und Eva ging für ein Jahr zur Ausbildung nach Wolfratshausen. Wir fuhren nach Marienbad, blieben vier Monate dort, bis der Anwalt in Berlin unsere Formalitäten der Auswanderung erledigt hatte, fuhren dann nach Berlin zurück, packten unsere Möbel zusammen, die wir auf einem Speicher einstellten. Es war unsere Absicht, nach Palästina zu gehen. Da aber dort Unruhen waren, fuhren wir nach England, um zu sehen, ob wir uns dort einleben könnten, denn schließlich ist es ja der Wunsch aller Eltern, möglichst mit den Kindern zusammen in einem Land zu leben. Weder in Manchester, noch in Bradford hat es uns so gefallen, um dort zu bleiben und um in London leben zu können, reichten die Einkünfte unseres Vermögens nicht. Durch die vielen Abgaben, die die Regierung den auswandernden Juden auferlegte, war dieses zu einem kleinen Bruchteil zusammengeschmolzen. Gerade jetzt, nachdem mein Vermögen in Deutschland restlos realisiert ist, habe ich errechnet, dass ich im Durchschnitt für 1 Reichsmark 11 Goldpfennige bekommen habe. In Bradford erreichte uns die Nachricht, dass Salman Schocken in Meran sei und uns gern sprechen wollte. Wir packten unverzüglich die Koffer und fuhren ohne Zwischenaufenthalt nach Meran, wo wir an Jom Kippur (der jüdische Versöhnungstag – M. D.) 1936 eintrafen. Salman Schocken riet uns, in Meran zu bleiben, um abzuwarten, bis sich die Unruhen in Palästina gelegt haben, da man damals glaubte, dass sie nicht lange dauern werden. Wir blieben in Meran, ließen uns, nachdem wir sieben Monate in einer Pension gelebt hatten, unsere Möbel kommen und richteten uns gemütlich ein. Wir wohnten in Meran zwei Jahre, sind doch das Klima und die Naturschönheiten kaum zu übertreffen. Wir lernten sehr viele Menschen kennen und fanden unter ihnen auch Freunde, mit denen wir noch heute korrespondieren. Als Hitler im März 1938 in Österreich einmarschierte, fassten wir den Ent­schluss, nicht länger zu warten und trotz der Unruhen nach Palästina zu gehen, denn Palästina war immer der Wohnsitz, den wir im Auge hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Formalitäten hierfür erledigt waren und so verließen wir am 1. September 1938 Meran. Wie klug unsere frühzeitige Maßnahme war, zeigte sich, als am 1. September, an dem Tag, an dem unsere Lifts gepackt wurden, in Italien ein Judengesetz nach deutschem Muster herauskam und alle ausländischen Juden Italien innerhalb eines halben Jahres verlassen mussten. Wir konnten ohne jede Schwierigkeit alle unsere Sachen mitnehmen, dagegen hatten alle, die nach uns fort gingen, große Schwierigkeiten. Im September landeten wir in Haifa, blieben hier und fanden sehr bald eine sehr schöne Wohnung. Inzwischen kamen durch die Pogrome im November 1938 in Deutschland so viele Menschen in das Land, dass die Wohnungen knapp und teuer wurden.“

Eva Grünberg, geb. Lewin, 1994 vor dem ehem. Schocken-Kaufhaus in der Petersstraße

Eva Grünberg, geb. Lewin, 1994 vor dem ehem. Schocken-Kaufhaus in der Petersstraße

Eva Lewin schlug sich in Palästina zunächst als Krankenschwester durch. Sechs Wochen nach ihrer Ankunft lernte sie Meir Grünberg, einen Taxifahrer, kennen. Er war als Jude aus Rumänien nach Palästina gekommen. Sie heirateten. Eva Grünberg berichtete: „Die verlorene Schulzeit fehlt mir ganz besonders. Ich lebe hier in Israel in drei verschiedenen Sprachen – Deutsch, Englisch und Ivrith – und in keiner der drei Sprachen bin ich perfekt… Mein Mann und ich haben schwer gearbeitet, und tun es in unserem hohen Alter noch immer, um für unsere beiden Kinder eine bessere Zukunft zu gestalten. Gott sei Dank haben wir liebe, verständige Kinder und fünf Enkelkinder, die alle Abitur gemacht haben und teilweise Universitäten besucht haben und so alle ein viel größeres Wissen als wir haben. Aber vor allem haben sie Herzensklugheit.“

Am 13. August 2008 ist Eva Grünberg, geb. Lewin in Haifa/Israel verstorben.

Titel 1995Ausführlich die Erinnerungen Carl LEWINS nachzulesen in:
Michael Düsing (Hrsg.), Glück Auf, mein Freiberg! Erinnerungen und Lebensschicksale jüdischer Bürger in den sächsischen Bergstädten Freiberg und Oederan. Jüdisches Leben in der Bergstadt Freiberg – eine Spurensuche. Teil 2; Freiberg 1995, S. 94-115
Auf Anfrage bei Geschichtswerkstatt Freiberg erhältlich (Unkostenbeitrag 5 €)

 

 

 

Porträt des Bruders von Carl Lewin (Autor: Jürgen Nitsche, Mittweida):

Bernhard Lewin – Der Mann aus dem Schocken – Konzern
Versuch eines Familienporträts

Geb. am 17. Dezember 1875 in Kolmar (Prov. Posen), Kauf­mann, Ehe mit Frida Kutner aus Lüdelsheim (Baden), September 1909 Geburt von Tochter Ruth Dorothea und November 1911 von Sohn Hermann, lebte vorübergehend in Frankenberg, dort 1913 mit Brüdern Schocken an der Errichtung der Niederlassung des Kaufhauses Schocken beteiligt, wohl erster Geschäftsführer. Oktober 1920 Übersiedlung nach Mittweida, Erwerb des Geschäftshauses Deckerstraße 5, dort Eröffnung einer Kolonialwaren- und Schumacherbedarfsartikelhandlung (ständiges Lager in Ober- und Unterleder sowie für Portefeuille). 1920/21 Mitbegründer der Jüdischen Vereinigung Mittweida, 2. Vorsitzender. Mai 1931 Tod der Schwiegermutter Bertha Kutner in Mittweida und Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof in Chemnitz, Dezember 1935 Feier des 60. Geburtstages in Mittweida, Dezember 1936 Umzug mit Ehefrau nach Berlin, später Auswanderung nach Italien, wohin Tochter im April 1936 emigriert war, vorher als technische Lehrerin bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin tätig, Verbleib des Sohnes unbekannt, als überzeugter Zionist vermutlich Auswanderung nach Palästina.
Weiteres Schicksal unbekannt.


Lewy, Emanuel und Henriette, geb. Goldstaub

"Heimatschein" vom Februar 1872 für Emanuel Lewy

„Heimatschein“ vom Februar 1872 für Emanuel Lewy; Stadtarchiv FG

Lewy Emanuel, geb. 1839, einer der ersten jüdischen Bürger in Freibergs Neuzeit, Kaufmann
Lewy, Henriette, geb. Goldstaub, geb. 1846
aus Steinau (Hessen) 1872 nach Freiberg gezogen (Heimatschein v. 27.02.1872)

Sohn Albert, geb. 1870 Steinau
Tochter Frieda, verh. Manasse, geb. 10.01.1876 in Freiberg – ermordet 04.05.1942 in Chelmno (Kulmhof)

ab 1873: „Theilhaber des unter der Fa. ‚Mayer&Comp.‘ bestehenden Herrengarderobengeschäfts Bertheldsdorfer Str. 101 B / Geschäftslokal Erbische Str. 16“ (lt. Adressbuch der Stadt FG 1873)
ab 1876: Wohnung Obermarkt 3 (heute 5), Geschäft „Erbische Str. 16)
ab 1881: im Adr.buch geführt unter „Kfm., Erbische Str. 21“

Zum Schicksal von Frieda Lewy, verh. Manasse, geboren in Freiberg:

1882 verließ das Ehepaar Lewy mit der inzwischen 6-jährigen Tochter Frieda Freiberg und zog nach Dresden.Wie viele andere Juden suchte auch Frieda Lewy möglicherweise Ende der 30er oder zu Beginn der 40er Jahre Schutz in der Anonymität einer Großstadt wie Berlin. Ihre letzte Wohnadresse war der Prenzlauer Berg in Berlin. Frieda Lewy hatte sich inzwischen mit einem Herrn Manasse verehelicht. Wann und wo sie geheiratet hat, ist unbekannt. Doch auch sie entkam der bürokratischen Akribie der Judenverfolgung der Nazis nicht. Am 27. oder 29. Oktober 1941 wurde sie – zusammen mit 1.009 anderen Menschen – vom Bahnhof Berlin-Grunewald aus in das völlig überfüllte Ghetto Łodz (Litzmannstadt) deportiert. Sie kam bereits mit der ersten „Evakuierungs“- Welle der so genannten „deutschen Reichsjuden“ in den Osten, die im Oktober 1941 mit Deportationen in das Ghetto Łodz (Litzmannstadt) begannen. Von dem Ghetto Łodz gingen im Frühjahr 1942 immer wieder Transporte von Ghettoinsassen in das KZ Kulmhof (Chelmno).
Hier experimentierte die SS seit dem 6. Dezember 1941 mit eigens zur Vergasung umgebauten Lastkraftwagen, um eine „effektive“ Methoden des Massenmordes zu erproben. Ein SS-Untersturmführer Dr. Becker hatte mit solchen Gaswagen bereits „Erfahrungen“ in der Einsatzgruppe D der SS in der Ukraine gesammelt. Er gab am 16. Mai 1942 in einem Schreiben an seinen Vorgesetzten im Reichssicherheitshauptamt, SS-Obersturmbannführer Walter Rauff, „Empfehlungen“, die zweifellos auch für seine „Kollegen“ in Kulmhof von Nutzen waren: „Die Vergasung wird durchweg nicht richtig vorgenommen. Um die Aktion möglichst schnell zu beenden, geben die Fahrer durchweg Vollgas. Durch diese Maßnahme erleiden die zu Exekutierenden den Erstickungstod und nicht wie vorgesehen, den Einschläferungstod. Meine Anleitungen haben nun ergeben, daß bei richtiger Einstellung der Hebel der Tod schneller eintritt und die Häftlinge friedlich einschlafen. Verzerrte Gesichter und Ausscheidungen wie sie seither gesehen wurden, konnten nicht mehr bemerkt werden.“
Sein Chef Walter Rauff gab nach dem Krieg, 1972, im Nachkriegsfluchtort Santiago de Chile bei einer Vernehmung in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland zu Protokoll: „Ob ich damals Bedenken gegen den Einsatz der Gaswagen hatte, kann ich nicht sagen. Für mich stand damals im Vordergrund, dass die Erschießungen für die Männer, die damit befasst wurden, eine erhebliche Belastung darstellten und dass diese Belastung durch den Einsatz der Gaswagen entfiel.“ Ein hausinternes RSHA-Dokument vom 15. Juni 1942 über „Technische Abänderungen an den im Betrieb eingesetzten und an den sich in Herstellung befindlichen Spezialwagen“, besagtem SS-Mann Rauff vorgelegt, bescheinigte für die im Vernichtungslager Kulmhof eingesetzten Wagen: „Seit Dezember 1941 wurden beispielsweise mit 3 eingesetzten Wagen 97000 verarbeitet, ohne daß Mängel an den Fahrzeugen auftraten.“ Wann Frieda Manasse vom Ghetto Litzmannstadt (Lodz) nach Kulmhof (Chelmno) deportiert wurde, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, dass sie am 4. Mai 1942 dort als „nicht arbeitsfähig“ in einem solchen Gaswagen „verarbeitet“ worden ist.

Zum Vergasungswagen umgebauter Möbelwagen. Aufgefunden 1945 von polnischen Soldaten

Zum Vergasungswagen umgebauter Möbelwagen. Aufgefunden 1945 von polnischen Soldaten

Stolperstein für Frieda Mannasse, geb. Lewy vor dem Wohnhaus Obermarkt 5

Stolperstein für Frieda Mannasse, geb. Lewy vor dem Wohnhaus Obermarkt 5

Obermarkt 5, aktuelle Ansicht

Obermarkt 5, aktuelle Ansicht

SS-Mann Walter Rauff - der Verantwortliche für Entwicklung und Einsatz der Gaswagen

SS-Mann Walter Rauff – der Verantwortliche für Entwicklung und Einsatz der Gaswagen

 


Lipowski, Max und Anna

Lipowski, Max, geb. 07.03.1863 in Stallupönen – gestorben 03.09.1942 Ghetto Theresienstadt; Kaufmann
Lipowski, Anna, geb. Margoniner, 18.02.1866 Bublitz (Bobolice), Westpommern – gestorben 03.09.1942 Ghetto Theresienstadt

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts führten Max und Anna Lipowski das „Herren- und Damenkonfektionsgeschäft Burgstraße 9 im Haus der „Löwenapotheke“ (heute Nr. 7). Nach dem Weggang des Ehepaars Lipowski aus Freiberg wohl um die Jahrhundertwende, übernahm der Kaufmann Julius Meyer (geb. 1863 in Berlin) mit Ehefrau Emilia, geb. Loewenhein 1865 in Wittstock, das Geschäft „vorm. Max Lipowski, Burgstraße 9“. Nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert muss Julius Meyer das Geschäft in die Poststraße 1a verlegt haben. Die Freiberger Schneiderinnung führte gegen das Geschäft der Lipowskis um 1892 einen ebenso hasserfüllten Feldzug wie zur gleichen Zeit gegen das „Herrenmodemagazin“ von Robert Keßler in der Borngasse (siehe da). Die rassistischen Töne gegen die lästige Konkurrenz der „jüdischen Kleiderhändlerin Anna Lipowski“ waren offensichtlich. Wie die Tochter von Robert und Lea Keßler, Rosa, verheiratete Beier, wurden auch Anna und Max Lipowski Opfer des deutschen Massenmordes an den Juden.

Werbeanzeige Lipowski 1892

Werbeanzeige Lipowski 1892

1892_01_30 FrAnz

Freiberger Anzeiger 30. Januar 1892

Hass tirade der Freiberger Schneiderinnung, 5. Februar 1892

Hasstirade der Freiberger Schneiderinnung, 5. Februar 1892

1903: Nachfolger Julius Meyer

1903: Nachfolger Julius Meyer

 

 

 

 

 

 

 

Das greise Ehepaar wurde am 17. August 1942 von Berlin aus, wo es zuletzt in der Schönhauser Allee 22 gewohnt hatte, in das „Altersghetto“ Theresienstadt eingeliefert. Für beide steht der 3. September 1942 als Todesdatum in den Sterbelisten Theresienstadts. Das war nicht einmal einen Monat nach ihrer Deportation. Als Todeszeit ist bei Anna Lipowski vormittags 11 Uhr angegeben. Ihr Ehemann Max starb vier Stunden später, nach Todesanzeige um 15 Uhr. Beide hatten im Haus 319, auf dem „Boden C“, vegetiert.

Auch Julius Meyer, Ehefrau Emilia und sein Sohn Walter (geb. am 25. Januar 1896) wurden ermordet. Julius und Emilia Meyer kamen, fast 80-jährig, mit Transport vom 30. Juli 1942 aus Berlin nach Theresienstadt. Ihr Leben endete am 26. September 1942 in Treblinka (andere Quellen nennen Minsk als Todesort). Walter Meyer wurde am 12. Januar 1943 von Berlin nach Auschwitz deportiert und vermutlich sofort vergast

Todesfallanzeige Anna Lipowski Ghetto Theresienstadt

Todesfallanzeige Anna Lipowski Ghetto Theresienstadt

Todesfallanzeige Max Lipowski Ghetto Theresienstadt

Todesfallanzeige Max Lipowski Ghetto Theresienstadt

Ankunft im Ghetto Theresienstadt-BPK

Ankunft im Ghetto Theresienstadt; BPK


 Löwenthal, Leopold (Jomtow) und Hulda, geb. Friedländer

"Waarenhaus zur goldenen 24"; Hist. Aufnahme vor 1900, Fotothek Stadt-und Bergbaumuseum FG

„Waarenhaus zur goldenen 24“; Hist. Aufnahme vor 1900, Fotothek Stadt-und Bergbaumuseum FG

Löwenthal, Leopold, geb. 21.03.1839 – gest. 14.05.1923 Freiberg
Löwenthal, Hulda, geb. Friedländer, 01.11.1853 Preußen -14.05.1914 Freiberg
(beide Schreibweisen mit „oe“ oder „ö“ waren üblich)

Kaufmannsehepaar; kam 1886 nach Freiberg und führten das „Waarenhaus zur goldenen 24“ in der Burgstraße – vermutlich noch vor dem 1. Weltkrieg Verkauf an den Dresdner Kaufmann Ludwig Weinberg (Gf. war dann der Bruder von Ludwig W.: Alfred)

Fünf Kinder:
Jenny, geb. 02.02.1869 Preußen, (bis 1891 in FG)
Martin, geb. 09.04.1865, Preußen (bis 1888 in FG)
Elisa, geb. 03.07.1867, Preußen (bis 1893 in FG)
Alexander, geb. 03.01.1873 Preußen (bis 1894 in FG)
Anna, geb. 02.01.1871 Preußen (bis 1898 in FG)

 

Anzeigen FrAnz_0002

Anzeige im Freiberger Anzeiger vor 1900

Neujahrsgruß, Freiberger Anzeiger am 1. Januar 1887

Neujahrsgruß, Freiberger Anzeiger am 1. Januar 1887

Grabstelle Leopold Löwenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, ATL 04/13

Grabstelle Leopold Löwenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, ATL 04/13

Grabstelle Hulda Löwenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, NTR 22/20

Grabstelle Hulda Löwenthal, Neuer Israelitischer Friedhof Dresden, NTR 22/20

 

 


 Luft, Isidor und Rosa

Die Lufts 1937: v.li.: Johannes, Oma Rosa, die Eltern Erna und Paul

Die Luft’s 1937: v.li.: Johannes, Oma Rosa, die Eltern Erna und Paul

Luft, Isidor, geb. 23.02.1862 Peiskretscham (Pyskowice) Oberschlesien – gest. 29.08.1915 Freiberg
Luft, Rosa, geb. 10.05.1875 in Krappitz  (Krapkowice) Oberschlesien – gest. 1965 (?) in Israel

„Schnittwarengeschäft I. Luft“ (Textil- und Weißwaren), Bahnhofstraße 10

Kinder:
Kurt (geb. 12.12.1895 Freiberg – gefallen 20.07.1916 Uffz.; Truppenteil 9/IR.182, Verlustmeldung 314 Sa. – Gedenkstein für die gefallenen Soldaten des I. Wk (GDS E Ost – Neuer Israel. Friedhof Dresden)
Paul (geb. 16.07.1894 Freiberg – 1948 Bat Yam, Israel) – übernahm 1915 das Geschäft der Eltern – verheiratet mit Erna, geb. Weißmann (25.08.1902 in Buttenheim bei Bamberg – gest. Juli/1995 USA als Erna Seligmann – 2. Ehe)

Auszug aus: Michael Düsing, „Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt“. Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945. Dresden 2011 (siehe auch unter: Publikationen)

„Über unsere Erfahrungen bei der Auswanderung kann ich Ihnen nicht schreiben. Mein altes Herz hat das alles zur Ruhe gelegt und ich habe nicht die Kraft, es wieder neu zu beleben“, schrieb Erna Seligman, verwitwete Luft, 1992 nach Freiberg. Erna Luft war im Frühjahr 1937, gemeinsam mit Ehemann Paul Luft, Sohn Johannes und Schwiegermutter Rosa Luft, die Auswanderung in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina gelungen. In den zwanziger Jahren hatte die 1902 in Buttenheim bei Bamberg geborene Erna Weißmann den Freiberger Kaufmann Paul Luft in Freiberg geheiratet. Sie führten gemeinsam das vom Schwiegervater Isidor Luft gegründete „Schnittwarengeschäft I. Luft“ auf der Bahnhofstraße 10/Ecke Wernerplatz. Isidor war im Januar 1886, kurz vor seinem 24. Geburtstag, aus Schlesien nach Freiberg gekommen, um hier als ausgelernter Kaufmann eine neue Existenz begründen zu können. 1893 heiratete er seine ebenfalls aus Schlesien stammende Braut Rosa, die gerade 18 Jahre alt wurde, in seinem Geburtsort Peiskretscham bei Gleiwitz (heute polnisch Pyskowice). 1894 und 1895 kamen die Söhne Paul und Kurt in Freiberg zur Welt. Isidor Luft starb im Alter von nur 53 Jahren im August 1915 in Freiberg. Seine Witwe Rosa musste nur ein Jahr später auch den Tod ihres jüngsten Sohnes Kurt verkraften. Er fiel als Unteroffizier eines Infanterieregiments im Juli 1916. Sohn Paul übernahm schon nach dem Tod des Vaters das Textil- und Weißwarengeschäft. Er führte es nach seiner Hochzeit gemeinsam mit seiner Ehefrau Erna. Am 17. April 1927 kam ihr Sohn Johannes in Freiberg zur Welt. Paul Luft war nicht nur ein erfolgreicher und anerkannter Geschäftsmann, sondern setzte sich auch in den 20er und 30er Jahren sehr aktiv für die wenigen jüdischen Familien und jüdischen Studenten in Freiberg ein, indem er für sie Gottesdienste zu hohen jüdischen Feiertagen organisierte. Dazu kam jeweils ein Kantor aus der jüdischen Gemeinde in Dresden angereist. Die Gottesdienste fanden in angemieteten Räumen Freiberger Gasthöfe, z. B. im „Stadt Dresden“ an der Dresdner Straße statt. Paul Luft setzte damit die Tradition des ebenso rührigen Freiberger Kaufmanns Nathan Wangenheim fort, der ab 1903 solche Gottesdienste in Freiberg organisieren half, seinerzeit meist in der Gaststätte „Hornmühle“.

Mit dem Machtantritt der Nazis wurden die Lufts Schritt für Schritt in den Ruin getrieben. 1936 mussten sie ihr Geschäft aufgeben. Selbst dann noch hetzten die Nazis weiter. In einem Rundschreiben der NSDAP-Ortsleitung vom 17. November 1936 hieß es: „Die Tatsache, daß Freiberger jüdische Geschäfte in letzter Zeit eine größere Reklame als bisher entwickeln, so das jüdische Warenhaus Schocken durch auswärtige Inserate, ferner die Judenfirma Isidor Luft durch Flugblätter für ihren Totalausverkauf, veranlassen mich, alle Parteimitglieder auf den bekannten Erlaß des Stellvertreters des Führers, Pg. Rudolf Heß, hinzuweisen. Darnach verstößt Jeder gegen die Parteidisziplin, der in einem jüdischen Geschäft kauft oder durch seine Ehefrau oder andere Beauftragte kaufen läßt. Dieser Verstoß gegen die Parteidisziplin zieht den Ausschluß aus der Partei nach sich. Ich werde in jedem Falle, der mir gemeldet wird, unweigerlich durchgreifen. Parteigenossen! Parteigenossinnen! Ich verpflichte jeden Einzelnen von Euch dazu, überall, bei allen Volksgenossen aufklärend zu wirken. Die Judenfrage wäre zum größten Teil schon jetzt gelöst, wenn jeder Deutsche Disziplin halten und wenn in keinem Falle beim Juden gekauft würde. Kauft in unseren deutschen Geschäften! Heil Hitler!“ Die Nazi-Scharfmacher nutzten also selbst noch den von ihnen erzwungenen Verkauf des Geschäfts zu übler Hetze gegen die Familie Luft. Die Familie hoffte, mit diesem Verkauf ihre Auswanderung finanzieren zu können. Dieser antisemitische Appell zeigt aber auch, dass es offenbar 1936 immer noch Freiberger, selbst „Parteigenossen“, gab, die dem Geschäftsboykott nicht ohne weiteres folgten. Als Erna und Paul Luft im März 1937 nach Palästina auswanderten, glaubten sie noch nicht, dass diese Flucht sie für immer von ihrem Geburts- und Heimatland trennen würde. Sie ließen in einem Freiberger Fotoatelier kurz zuvor noch eine Fotografie von sich, Mutter Rosa und Sohn Johannes für die ihnen befreundeten Familien Wangenheim und Rosenthal ablichten, die auf der Rückseite den handschriftlichen Vermerk trug: „Auf baldiges Wiedersehen! Freiberg, im Januar 1937. Ihre Lufts“. Kurz darauf mussten auch die Freunde, Nathan und Leonore Wangenheim sowie Tochter Julia mit Enkel Lutz Rosenthal, Freiberg verlassen.

…Paul Luft betrieb in Bat Yam eine eher ärmliche Schuhmacherei. Er starb schon 1948. Erna Luft litt an seinem Tod und den Qualen der Vertreibung. Sohn Johannes besuchte eine religiöse Schule in Israel, nahm den hebräischen Namen Joshua Lapid an und sprach längst kein Deutsch mehr. Er war Bibliothekar an der Universität in Tel Aviv gewesen, hat drei Kinder und eine große Zahl Urenkel. Im November 2005, knapp 68 Jahre nach seiner erzwungenen Flucht aus Deutschland, begegnete er – tief bewegt – seiner Freiberger Kindheit: in einer Ausstellung der Freiberger Einrichtung des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) in der israelischen Partnerstadt Freibergs in Ness Ziona, nahe Tel Aviv, unter dem Titel „Jüdisches Leben in Freiberg – Erinnerung und Verantwortung“. Erna Luft heiratete viele Jahre nach dem Krieg ein zweites Mal und zog zu ihrem Mann in die USA. 1994 begegnete der Autor der inzwischen erneut verwitweten 92jährigen klugen und liebenswerten Dame in Bethesda, nahe Washington D. C. Sie verstarb dort im Juli 1995.

Bahnhofstraße 10; Ansicht 1990er Jahre

Bahnhofstraße 10; Ansicht 1990er Jahre

Joshua (Johannes), Rosa und Erna Luft um 1948 in Bat Yam, heute Israel

Joshua (Johannes), Rosa und Erna Luft um 1948 in Bat Yam, heute Israel

Zwei aus Freiberg Vertriebene 1994 in Bethesda/USA: Erna Luft-Seligman und Lutz Rosenthal

Zwei aus Freiberg Vertriebene 1994 in Bethesda/USA: Erna Luft-Seligman und Lutz Rosenthal

Joshua Lapid (Johannes Luft) 2005 vor einer Tafel im Ausstellungszentrum Ness Ziona/Israel, die die Geschichtswerkstatt Freiberg seiner Familie gewidmet hat

Joshua Lapid (Johannes Luft) 2005 vor einer Tafel im Ausstellungszentrum Ness Ziona/Israel, die die Geschichtswerkstatt Freiberg seiner Familie gewidmet hat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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