Virtueller Stadtrundgang „Auf den Spuren jüdischen Lebens in Freiberg“

Der „virtuelle Stadtrundgang“ auf den Spuren jüdischen Lebens in der Bergstadt Freiberg wurde in einem einjährigen ABM-Projekt des CJD in Freiberg 2001/2002 von zehn Jugendlichen erarbeitet, unterstützt durch eine Belegarbeit des Abiturienten Jens Beier am Freiberg-Kolleg.

Er gibt einen Überblick über die bisher weitgehend verdrängte und vergessene Geschichte der Juden in der sächsischen Bergstadt. Sie wird anhand ausgewählter und beispielhafter Stationen innerhalb der Stadt nachvollzogen, obwohl sichtbare Sachzeugnisse jüdischen Lebens in Freiberg nicht mehr zu finden sind. Der virtuelle Stadtrundgang wurde so aufgebaut, dass er auch real als Stadtrundgang zu Fuß nachgehbar ist.

Wir haben großen Wert darauf gelegt, das Leben und die Leistungen jüdischer Bürger der Stadt in Handel, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin und Kultur zu dokumentieren, mit denen sie Wertvolles und Unverzichtbares zum Aufblühen und Ansehen der Stadt und seiner Bewohner beitrugen. Zugleich wird der Judenhass und Antisemitismus an Beispielen der Verfolgung der Juden in Freiberg dokumentiert.

Der Rundgang beginnt am ehemaligen „Judenberg“, im Mittelalter vor den Stadttoren Freibergs gelegen. Mit seiner Bezeichnung erinnerte dieses Stadtgebiet bis in das 20. Jahrhundert hinein an die frühe mittelalterliche Ansiedlung einer vermutlich ansehnlichen jüdischen Gemeinde. Die ersten beiden Stationen des Stadtrundgangs belegen, dass Juden eine wichtige Rolle im Handel und Finanzsystem der entstehenden Silberbergstadt Freiberg bis zu ihrer Vertreibung in der Mitte des 15. Jahrhunderts spielten.

Weitere Stationen des Rundganges führen an Orte, an denen in der Neuzeit – seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – jüdische Handelseinrichtungen, Arztpraxen, Unternehmen existierten. Jüdische Geschäfte waren mit ihrem attraktiven, oft preiswerten Warenangebot und dem hervorragenden Kundenservice Anziehungspunkt für viele Freiberger. Das Schocken-Kaufhaus in Freiberg gehörte seit 1914 zu den modernsten Warenhäusern Sachsens und Deutschlands und bot seinen Angestellten damals einzigartige Sozialleistungen. Jüdische Ärzte genossen ein bemerkenswertes Ansehen. In Erinnerung gerufen wird das Wirken jüdischer Wissenschaftler an der traditionsreichen Bergakademie, die großen Anteil am weltweiten Ansehen dieser einzigartigen Lehrstätte der Bergbaukunde, Geologie und Erzverhüttung hatten.

Der Rassenhass und Antisemitismus, den die Nazis zum organisierten, kaltblütigen Völkermord an Juden perfektionierten, vernichtete jüdisches Leben auch in Freiberg mit beispielloser Menschenverachtung und Grausamkeit. Der virtuelle Stadtrundgang erinnert an einige der hier einst lebenden jüdischen Familien, die verfolgt, gedemütigt, vertrieben und ermordet wurden. Am Ende der perfiden Naziherrschaft entstanden auch in Freiberg Stätten der „Vernichtung durch Arbeit“ – KZ-Außenlager, in denen jüdische Frauen, von Auschwitz nach Freiberg deportiert, Zwangsarbeit für die Nazi-Rüstungsindustrie leisten mussten.

Der virtuelle Stadtrundgang soll dazu beitragen, die Mauern des Schweigens abzureißen, die über viele Jahrzehnte diesen Teil der Geschichte unserer Stadt umgaben.


Stationen

Der ehemalige Judenberg: Roter Weg, Lange Straße und Wernerstraße

Noch bis in das 19.Jahrhundert hinein wies die Bezeichnung „Judenberg“ auf alten Freiberger Stadtplänen für ein Gebiet, das heute vom Roten Weg, der Lange Straße und der Wernerstraße begrenzt wird, darauf hin, dass hier einst eine jüdische Ansiedlung existiert haben musste.

Gegend des „Judenbergs“ in Freiberg – Ausschnitt aus einem Stadtplan von 1799

Obwohl mittelalterliche Sachzeugnisse heute gänzlich fehlen, sprechen u. a. solche Indizien dafür, dass Juden nach den ersten Silberfunden in der Freiberger Gegend um 1186 einen bedeutenden Anteil an der raschen Entwicklung des Freiberger Stadtwesens hatten.

Vor allem nach 1210, als unter Markgraf Dietrich die Entwicklung Freibergs zur hochmittelalterlichen Stadt mit der planmäßigen Anlage der Oberstadt ihren ersten Abschluss fand, dürften sich Juden im östlichen vor dem Erbischen Tor und dem Peterstor gelegenen Gebiet angesiedelt haben.

Judenordnung des Meißner Markgrafen Heinrich der Erlauchte von 1265

Jüdische Handelsreisende hatten wahrscheinlich schon Jahrhunderte zuvor die alten Handelswege genutzt, die von der Magdeburger Gegend aus über das Erzgebirge ins Böhmische führten. Das ersteBerggeschrey“ nach den Silberfunden im Freiberger Raum zog nicht nur Bergleute und Handwerker in großer Zahl an, sondern auch viele Händler. Die weit reichenden Handelsbeziehungen von Juden sicherten den für Freiberg unverzichtbaren Fernhandel, bereicherten den sächsischen Markt mit dringend benötigten Gütern und sorgten für ein funktionierendes Finanzsystem. Das frühe Freiberger Stadt- und Münzrecht kündet davon, dass Juden eine unverzichtbare Rolle im Wechsel der unzähligen Münzwährungen und im Geldverleih spielten. Die schnelle Entwicklung des Bergbaus schuf ebenso Geldbedarf wie Stadtentwicklung, Hofhaltung der Wettiner und Handel. Jüdische Händler nutzten Freiberger Rohsilber als Zahlungsmittel im Fernhandel und als Exportgut. In Sagenform wird die Erinnerung daran bewahrt (z. B. die Sage vom„Silberjuden zu Oederan“).

Die 1265 erlassene „Judenordnung“ des Meißner Markgrafen Heinrich des Erlauchten, der die Erfahrungen der jüdischen Ansiedlung in Freiberg zugrunde lagen, sicherte Juden für fast zwei Jahrhunderte eine weitgehende privatrechtliche Gleichstellung mit Christen, einen eigenen Gerichtsstand und relativ freie Religionsausübung in der Markgrafschaft Meißen, also auch in Freiberg, zu.

Noch 1653 notiert der Freiberger Stadtchronist Andreas Möller in den „Freiberger Annalen“ unter dem Jahr 1265:„Sind den Juden / die zu Freiberg in der Vorstadt auf dem Judenberge /und anderer Orten im Lande gewohnet/ besondere Statua und Gesetze für geschrieben worden…“


Platz der Oktoberopfer

In der Nähe des heutigen Platzes der Oktoberopfer, am Rande der jüdischen Ansiedlung am „Judenberg“, hat sich vermutlich bis zum beginnenden 15.Jahrhundert der mittelalterliche jüdische Friedhof befunden, in einiger Entfernung auch die Synagoge.
Zeugnisse dafür finden sich im Freiberger Ratsarchiv in Dokumenten, die die Vertreibung der Juden aus Freiberg im 15.Jahrhundert belegen.

Lehnsbrief des Kurfürsten Moritz über den Judenberg 1525

Lehnsbrief des Kurfürsten Moritz über den Judenberg 1525

Der Stadtchronist Andreas Möller vermerkte für das Jahr 1411: „Sind die Juden welche zu Freiberg in der Vorstadt gewohnet am Orte/den man itzo den Judenbergk nennet / wegen großen Wuchers/ so sie getrieben/gefänglich eingezogen/und hernach ganz aus dem Lande verwiesen worden.“

Die Vertreibung der Juden 1411 aus Freiberg, 1430 schließlich aus dem ganzen Wettiner Herrschaftsgebiet, hatte viele Ursachen:

  • Die wirtschaftliche Stellung der Juden hatte sich drastisch verschlechtert. Sie wurden mehr und mehr aus dem Finanz- und Silberhandel in die ärmliche Pfandleihe und den Hausierhandel getrieben.
  • Religiöser Eifer, neu entfacht durch die in der Mitte des 14. Jahrhunderts auch in Sachsen tobende Pestepidemie, nährte Judenhass und Intoleranz.
  • Während der „Hussitenkriege“ schließlich bezichtigte man die Juden der Unterstützung dieser böhmischen „Ketzerbewegung“.

Vertreibung und Enteignung der Juden gehen Hand in Hand. Schon 1412 belegt eine Rechnung des Freiberger Münzmeisters Hans Hesse, dass dem Markgrafen Gold überwiesen wurde, welches aus den „Sachen der Juden“ erlöst worden war.

Die als „Yodenschule“ bezeichnete Synagoge der Freiberger Juden und das gesamte Friedhofsgelände verfiel der Kirche. 1472 übereignete der Meißner Bischof den dafür erhobenen Grundstückszins dem Altar des Heiligen Bernhardt in der Nikolaikirche. 1444 wird Korn „yn der yodenschule“ eingelagert, 1477 wird sie an den „ersamen Reynhans“, einen Freiberger Patrizier, verkauft. Mitte des 16.Jahrhunderts erteilt Herzog Moritz dem Freiberger Rat eine Lehnsurkunde über den „Judenberg“. Schließlich verbieten wiederholt „Bergordnungen“ der sächsischen Kurfürsten auf Jahrhunderte jegliches Wohn- und Niederlassungsrecht von Juden in den sächsischen Bergstädten:

Der LXXVI. Artikel der Bergordnung Christian I. von 1589 bestimmt:

Judenartikel der Bergordnung von Kurfürst Christian I. aus dem Jahr 1589

Judenartikel der Bergordnung von Kurfürst Christian I. aus dem Jahr 1589

„Juden sollen nicht geduldet noch gehauset werden“.

Bis in das 19. Jahrhundert hinein regelten nun unzählige Zoll- und Acciseordnungen, „Geleitrollen“ und „Judengesetze“ den Durchlass der benötigten Handelsjuden zu den sächsischen Messen z.B. in Leipzig, verboten die Ansiedlung und sicherten, dass nur begüterte Juden „Schutz- und Geleitbriefe“ erhielten und nicht etwa „Betteljuden“.

Erst im 19. Jahrhundert durften sich Juden – unter dem Druck der in der bürgerlichen Revolution beschlossenen „Gleichstellung der sächsischen Juden mit den Christen hinsichtlich der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte“ – wieder in sächsischen Städten ansiedeln, darunter schließlich auch in den sächsischen Bergstädten.

Anders als in großen sächsischen Städten wie Dresden, Leipzig oder Chemnitz, in denen sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung in großen eigenständigen Gemeinden organisierte, siedelten sich in Freiberg – vor allem nach der Reichseinigung 1871 – nur wenige jüdische Familien an. Zu keinem Zeitpunkt reichte hier die Zahl jüdisch-religiöser Bürger, um eine eigene jüdische Gemeinde zu bilden. 1910 zählte die Stadt 111 Juden, die höchste Zahl, die jemals in der Neuzeit erreicht wurde.

Die folgenden Stationen bieten dennoch am Beispiel ausgewählter jüdischer Familien Freibergs ein repräsentatives Spektrum der Leistungen von Juden in und für die Stadt Freiberg ebenso wie ein Bild der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Bürger, die in der Nazizeit ihren grausamen Höhepunkt fand.


Bahnhofstraße 10: Textilgeschäft der Familie Luft

Isidor und Rosa Luft kamen um 1900 von Schlesien nach Freiberg und führten in der Bahnhofstraße 10/Ecke Wernerplatz ein Textil- und Weißwarengeschäft. Nach dem Tod des Vaters, Isidor Luft, übernahm sein Sohn Paul 1915 das Geschäft.

Abschiedsfoto der Familie Luft vor ihrer Flucht nach Palästina im Januar 1937

Abschiedsfoto der Familie Luft vor ihrer Flucht nach Palästina im Januar 1937

Der zweite Sohn, Kurt, geb. am 12.12.1895, fiel am 20.09.1916 im 1. Weltkrieg als Unteroffizier.
Paul Luft heiratete in Freiberg Erna, geb. Weißmann, die 1902 in der Nähe Bambergs geboren wurde.
Mit dem Machtantritt der Nazis wurden die Lufts Schritt für Schritt in den Ruin getrieben. 1935 mussten sie ihr Geschäft aufgeben.

In einem Schreiben der NSDAP-Ortsleitung vom 17. Januar 1935 hieß es:Faksimile des NSDAP-Rundschreibens vom 17.11.1936

 

 

NSDAP-Rundschreiben vom 17. November 1936Anfang des Jahres 1937 wanderte Familie Luft (Rosa, Paul und Erna mit Sohn Johannes) nach Palästina aus.

Freie Presse Freiberg am 12. November 2005

Freie Presse Freiberg am 12. November 2005

Sie lebten in Bat Yam und wohnten neben ihren Freunden, den Familien Rosenthal und Wangenheim. Paul betrieb dort eine Schuhmacherei. Er starb 1948 in Bat Yam (Palästina). Sein Sohn Johannes (hebräisch Jehoshua Lapid genannt) ist Bibliothekar an der Universität in Tel Aviv, hat drei Kinder und eine große Anzahl Enkel.

Erna Luft litt an seinem Tod wie an den Qualen der Vertreibung. Viele Jahre später heiratete sie ein zweites Mal und zog zu ihrem Ehemann Mr. Seligmann in die USA.

Frau Seligmann verstarb im Juli 1995 im Alter von 93 Jahren.

Freiberg hat ihr Leben geprägt und ihr zugleich die tiefsten Wunden des Lebens zugefügt. Dennoch war sie ohne Zorn und ohne Bitterkeit. Noch kurz vor ihrem Tod schrieb sie uns: „Über unsere Erfahrungen bei der Auswanderung kann ich Ihnen nichts mitteilen. Mein altes Herz hat das alles zur Ruhe gelegt, und ich habe nicht die Kraft, es wieder neu zu erleben. Es sind 57 Jahre her, daß wir Freiberg verlassen mussten. Ein großes Unrecht ist uns allen geschehen. Die Wunden sind vernarbt. Die Erinnerung an die Erniedrigung, an die Ungewißheit der Auswanderung ist verblaßt, doch nicht vergessen.“


Poststraße 16: Wollwarengeschäft der Familien Dobkowsky und Pinkus

Zu den bekannten jüdischen Familien Freibergs gehörten auch die Familien Dobkowsky und Pinkus.

Poststraße- Aufnahme vor 1930. Am linken Bildrand Textilgeschäft Dobkowsky & Pinkus

Poststraße- Aufnahme vor 1930. Am linken Bildrand Textilgeschäft Dobkowsky & Pinkus

Sally und Franziska Dobkowsky waren 1901 nach Freiberg zugezogen. Sie kamen aus Belgard in Pommern und hatten dann im ostpreußischen Allenstein gewohnt. Beide starben als der Naziterror seinem Höhepunkt zusteuerte: Franziska, (eine geborene Brotzen 12.Juni 1864) am 16.12.1936 im Alter von 72 Jahren, Sally (geb.6.Juli 1863) am 03.01.1939 im Alter von 75 Jahren.
Sie hatten sechs Kinder. Arno, Aron, Grete, Betty, Frieda, Toni und Theodor.

Franziska und Sally Dobkowsky; Aufnahme ca. 1890

Franziska und Sally Dobkowsky; Aufnahme ca. 1890

Arno Aron Dobkowsky wurde am 23.08.1886 in Belgard/Pommern geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Allenstein/Ostpreußen; seine Lehre in Stettin und Berlin. Während des 1. Weltkrieges erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse, dazu das Verwundetenabzeichen.
Nach Kriegsende lernte er seine Frau Elsbeth Johanna Oppenheim in Paris kennen.

Nach der Heirat am 26.12.1920 zog das Ehepaar nach Glogau in Schlesien. Hier führte Arno Dobkowsky das Schuhgeschäft der Schwiegereltern bis zur Wirtschaftskrise 1929.
1937 flohen Dobkowskys nach Berlin in der Hoffnung, hier dem Terror der Nazis weniger direkt ausgeliefert zu sein. 1939 gelang es ihnen, ihre drei Kinder, Ester, Peter und Marianne-Renate mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit zu bringen. Ihnen selbst gelang die Flucht nicht mehr. Arno und Elsbeth Dobkowsky wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert, er starb dort 1943, seine Frau kam 1944 auf einem Transport nach Auschwitz ums Leben.

Elsbeth und Arno Dobkowsky - Hochzeitsfoto in Dresden

Elsbeth und Arno Dobkowsky – Hochzeitsfoto in Dresden

Grete Pinkus mit ihrem Sohn Werner, Aufnahme 1937

Grete Pinkus mit ihrem Sohn Werner, Aufnahme 1937

Familie Pinkus-Lynton in Israel; Hinten Mitte: Werner (Willy) Pinkus

Familie Pinkus-Lynton in Israel; Hinten Mitte: Werner (Willy) Pinkus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Betty Dobkowsky heiratete in eine bekannte jüdische Familie in Bremen. Sie und ihre drei Söhne wanderten in die Vereinigten Staaten aus.

Frieda Dobkowsky verstarb sehr jung an Tuberkulose.

Toni Dobkowsky heiratete einen Dorfschullehrer in Drebach (Erzgebirge) und trat zum Christentum über. Es half ihr nichts. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet.
Ihre Tochter Marianne entkam über Frankreich nach England.

Theodor Dobkowsky, der jüngste Sohn, war im 1. Weltkrieg Offizier im Kaiserlichen Heer und erhielt das Eiserne Kreuz dafür. Er studierte Medizin und ließ sich als Zahnarzt in Magdeburg nieder. Im Novemberprogrom 1938, der Reichskristallnacht, wurde er verhaftet und kam in das KZ Buchenwald. Als gebrochener Mensch wanderte er, nach seiner Entlassung aus dem KZ, nach Südamerika (Ecuador) aus, dort praktizierte er noch einige Zeit. Er starb 1963 an den Folgen der im KZ erlittenen Torturen, die seine Widerstandskraft gegen Krankheiten gebrochen hatten.

Grete Dobkowsky heiratete in Freiberg Max Pinkus. Sie führten das Wollwarengeschäft der Schwiegereltern ab Januar 1922 unter dem Namen „Dobkowsky & Pinkus“ weiter.

Im April 1939 konnten sie ihren Sohn Werner mit einem Kindertransport nach England retten. Sie selbst wurden am 19. Januar 1942 von Berlin aus in das Ghetto Riga deportiert und dort ermordet.


Weingasse 3: Galanteriegeschäft der Familie Nathan und Leonore Wangenheim

Nathan Wangenheim wurde am 09.02.1862 in Pasewalk geboren. Um 1890 zog er nach Freiberg um. Mit seiner Frau Leonore (geb. Boas, 1863-1942) hatte er 2 Kinder, Guido und Julia (siehe Silberhofstr.1a und Bahnhofsvorplatz Nr.5). Nathan Wangenheim eröffnete 1907 eine „Weiß-, Kurz-, Galanterie-, Putz- und Modewarenhandlung“ in der Weingasse 3. Die Konkurrenz des 1914 eröffneten Schocken-Kaufhauses zwang ihn zur Schließung des Geschäfts. Er eröffnete daraufhin eine kleine Fabrik zur Puppenherstellung, die in der Zeit der Inflation 1923 Konkurs ging. Danach arbeitete er noch bis zu seinem Ruhestand 1932 einige Jahre als Versicherungsagent für die Barmer Ersatzkasse.

Geschäft von Nathan Wangenheim (Bildmitte) in der Weingasse. Aufnahme 1911

Geschäft von Nathan Wangenheim (Bildmitte) in der Weingasse. Aufnahme 1911

Nathan Wangenheim

Nathan Wangenheim

Leonore Wangenheim

Leonore Wangenheim

 

 

 

 

 

 

 

Nathan Wangenheim setzte sich – obwohl selbst nicht streng religiös – dafür ein, dass an hohen jüdischen Feiertagen Gottesdienste in Freiberg stattfinden konnten. Sein Sohn Guido, der anerkannter Zahnarzt war, besaß eine Praxis in der Silberhofstraße 1a. Julia, seine Tochter heiratete Willy Rosenthal (siehe Bahnhofsvorplatz). 1936 emigrierte Guido mit seiner Familie nach Palästina. Nathan Wangenheim, seine Frau Leonore, Tochter Julia und Enkelsohn Lutz gelang 1937 die Flucht aus Deutschland. Sie emigrierten nach Palästina. Nathan Wangenheim verstarb dort 1939, seine Frau Leonore nur drei Jahre später. Beide sind auf dem Nahlet Jizchak Friedhof in der Nähe von Tel Aviv beigesetzt.

Tochter Julia Wangenheim

Tochter Julia Wangenheim

Enkel Lutz, Einschulung 1930

Enkel Lutz, Einschulung 1930

 

 

 

 

 

 


Burgstraße 24 (heute 22): Zigaretten- und Tabakwarengeschäft der Familie Sieradzki

Isidor und Minna Sieradzki (geb. Krongold in Leipzig) kamen kurz nach ihrer Heirat im Jahre 1909 nach Freiberg.
Isidor Sieradzki, geboren am 27.07.1884 in Petrikov, Gouvernement Minsk, eröffnete auf der Burgstraße 24 einen Zigarren-, Zigaretten- und Tabakwarenladen. Sie wohnten bis 1933 in der Donatsgasse.

Familie Sieradzki. V. li.: Margarete, ihr Freund und späterer Ehemann Erwin Wallerstein, Rosi, Vater Isidor und Mutter Minna, Hans

Familie Sieradzki. V. li.: Margarete, ihr Freund und späterer Ehemann Erwin Wallerstein, Rosi, Vater Isidor und Mutter Minna, Hans

Isidor Sieradzki galt als zugewanderter, staatenloser „Ostjude“. Er bekam antisemitische Demütigungen schon lange vor 1933 zu spüren. So war es kein Zufall, dass sein kleiner Laden der erste war, der unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis schließen musste. Als „russisch-österreichischer“ Jude hatte er von Anfang an keine Bürgerrechte und gehörte für die Nazis damit zu jenen Juden, derer sie sich am schnellsten und ohne jede Rücksichtnahme „entledigten“. Nach der Geschäftsauflösung zogen die Sieradzkis bis zu ihrer Auswanderung nach Palästina in das 3. Stockwerk der „Goldenen 24“ in der Burgstraße.

Aus der Ehe von Minna und Isidor Sieradzki gingen drei Kinder hervor: Margarete (geb. 15.12.1910), Rosi (geb. 24.10.1914) und Hans (geb. 7.10.1916).

Margarete besuchte die Höhere Mädchenschule in Freiberg und arbeitete danach als Privatsekretärin in der „Sächsischen Knappschaftskasse“ in der Buchstraße. Kurz vor dem Machtantritt der Nazis heiratete sie den Chemie-Ingenieur Erwin Wallerstein, der am Braunkohlenforschungsinstitut der Bergakademie tätig war. Beide wurden im April 1933 von den Nazis auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen und wanderten kurz darauf nach Palästina aus. Die Wallersteins hatten zwei Kinder. Margarete verstarb 1982 in Israel.

Rosi hatte die Schule in der Körnerstraße besucht und durfte nach der 4. Klasse aufgrund ihrer besonders guten Leistungen in die „Begabtenklasse“ wechseln. Sie erlernte mit 16 den Beruf einer Gerberei-Laborantin an der Deutschen Gerberschule (Terrassengasse).

Gerberlabor 1931. 2. von rechts: Rosi Sieradzki, 2. v. li.: Oberstudienrat Appelius, im Kreis von Kolleginnen/Kollegen

Gerberlabor 1931. 2. von rechts: Rosi Sieradzki, 2. v. li.: Oberstudienrat Appelius, im Kreis von Kolleginnen/Kollegen

Familie Sieradzki Juli 1927, v.li.: Rosi, Hans, die Eltern Minna und Isidor, Margarete

Familie Sieradzki Juli 1927, v.li.: Rosi, Hans, die Eltern Minna und Isidor, Margarete

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch sie wurde noch im April 1933 aus ihrem Beruf verjagt. Sie erlernte bis zum Juni 1935 land- und hauswirtschaftliche Fähigkeiten in einer jüdischen Ausbildungsstätte – dem Schocken-Gut in Spreenhagen bei Berlin, um sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vorzubereiten, die ihr 1935 gelang.

Für Rosi Springer war der Neubeginn in Palästina sehr schwer. „Ich nahm jede Arbeit auf, die sich mir bot, Windeln waschen, Fußböden reinigen, Treppenhäuser in Ordnung halten, also jede schmutzige Arbeit! Endlich bot sich mir eine Stellung bei einer Frauenärztin, deren Ehemann Orthopäde war. Sie hatten einen Sohn, etwa elf Jahre alt. Da musste ich nicht nur die Wohnung mit dem Ordinationszimmer in Ordnung halten, für drei Personen kochen, backen und waschen, sondern auch der Frau Doktor in der Ordination zur Hand gehen. Da gab es keinen Acht-Stunden-Tag. Auch jeden zweiten Schabbat musste ich zur Arbeit antreten. Ich machte das, bis ich heiratete.“ 1939 heiratete Rosi in Kiriat Chaim Erich Springer; 1946 kam ihr Sohn zur Welt.

In der Burgstraße 1992. Im Hintergrund: das ehemalige väterliche Geschäft

In der Burgstraße 1992. Im Hintergrund: das ehemalige väterliche Geschäft

1992 in Freiberg: Erinnerungen...

1992 in Freiberg: Erinnerungen…

 

 

 

 

 

 

 


Burgstraße 24 (heute 22): Die „GOLDENE 24“ / Herren-, Damen- und Knabenkonfektionsgeschäft der Familie Weinberg

Ludwig Weinberg wurde am 4. November 1881 geboren und stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Oldenburg. Die Weinbergs gehörten schon im 19.Jahrhundert zu den bekanntesten und angesehendsten jüdischen Familien der norddeutschen Residenzstadt. Ludwig heiratete am 13.10.1914 Erna Stensch. Sie wurde am 19. Juni 1888 in Landsberg / Warthe geboren und war eine sehr gute Schneiderin. Vermutlich kamen die Beiden im Jahre 1909, evtl. auch schon etwas früher nach Freiberg. Sie hatten zwei Kinder, Erwin und Rolf. Von Erwin ist nur bekannt, dass er sehr früh nach Palästina auswanderte und später in New York lebte, wo er 1992 verstarb. Sein jüngerer Bruder Rolf wurde am 10.03.1920 in Freiberg geboren.

Die Weinbergs besaßen zwei Geschäfte „Zur Zentrale“ auf der Erbischen Strasse/Ecke Hornstraße (später Rinnengasse 1) und die „Goldene 24“ in der Burgstraße.

Ludwig Weinberg vor seinem Textilgeschäft Erbische Straße/Hornstraße

Ludwig Weinberg vor seinem Textilgeschäft Erbische Straße/Hornstraße

Sohn Rolf Weinberg erinnerte sich: „Wir hatten viele Freunde, jüdische und christliche. Bis 1938, also kurz vor der „Kristallnacht“, hat sich mein Vater vollkommen als Deutscher jüdischen Glaubens verstanden, ebenso wie meine Mutter, mein Bruder Erwin und ich. Meine ganze Familie war in Deutschland geboren. Mein Vater war Frontkämpfer im I. Weltkrieg, hatte das Eiserne Kreuz 2. Klasse und hat wirklich geglaubt, dass all das ihm und uns helfen wird, durch die Nazizeit hindurchzukommen…Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, hatten wir unsere christlichen Freunde verloren. Niemand wollte mit Juden gesehen werden. In meiner Schulzeit war es auch so. In meiner Klasse in der Realschule waren ca. 35 Jungen, und außer mir noch ein jüdischer. Oft hat man uns verhauen oder beschimpft. Die Lehrer konnten oder wollten uns nicht beschützen. Es war eine schwierige Zeit.“

Die „Kristallnacht“ hat alles geändert. Familie Weinberg musste alle Geschäfte an einen „Arier“ abgeben. Das Tagebuch des Polizeireviers in Freiberg dokumentiert den Verlauf des Judenpogroms zur „Reichskristallnacht“ in Freiberg ausführlich (Dok. XXVII b 116, Stadtarchiv Freiberg). Unter Eintrag 1261 ist zu lesen, dass ein Bergarbeiter im Morgengrauen des 10. November 1938 angezeigt habe, dass soeben die Schaufenster des Bekleidungshauses „Zur Zentrale“, Rinnengasse 1 eingeschlagen worden seien. Die Täter seien nach der Poststrasse geflüchtet. Es wurde festgestellt, dass bei sämtlichen jüdischen Geschäften fast sämtliche Schaufenster eingeschlagen waren. Die Täter waren drei Angehörige der SA. Später, so weiter im Tagebuch, sei im Grundstück Rinnengasse 1 Feuer ausgebrochen. Noch am gleichen Abend wurde nicht etwa nach den Tätern gefahndet, sondern es erfolgten – auf Anordnung der Gestapo-Leitstelle in Dresden – bei allen Freiberger Juden, so auch bei Alfred Weinberg in der Burgstrasse, Hausdurchsuchungen, „ohne Erfolg“ wie das Tagebuch festhält. Es folgte die Verhaftung mehrerer Juden in Freiberg und Dresden.

Rolf war damals 18 Jahre alt und befand sich mitten in einer Mechanikerausbildung. Er berichtet: „Das einzig Gute während dieser Epoche war meine Mechanikerausbildung. Ein sehr anständiger Autowerkstattbesitzer hatte mich als Lehrling angestellt. Die Mitarbeiter dieser Werkstatt – ein Meister, ein Geselle und noch ein Lehrling – waren mir gegenüber sehr freundlich und waren keine Nazis, obwohl der Lehrling zur Hitlerjugend gehörte oder gehören musste. Der Besitzer versuchte, als ich nach Buchenwald kam, zweimal mich dort herauszuholen, allerdings ohne Erfolg.“

Entlassungsschein f. Rolf Weinberg aus dem KZ Buchenwald vom 9. Dezember 1938

Entlassungsschein f. Rolf Weinberg aus dem KZ Buchenwald vom 9. Dezember 1938

Weil es Ludwig Weinberg gelang, Schiffskarten zu organisieren, wurde Rolf entlassen und die Familie flüchtete nach Kuba. Sie kamen Anfang des Jahres 1939 in Havanna an. Erna Weinberg hat dort für andere Flüchtlinge Änderungen und auch Neuanfertigungen genäht. Rolf führte kleinere Reparaturen an Wagen aus, ansonsten wurde die Familie wie fast alle Flüchtlinge von jüdischen Organisationen in den USA unterstützt.

Ludwig, Erna und Rolf Weinberg auf den US-Einwanderungspapieren 1941

Ludwig, Erna und Rolf Weinberg auf den US-Einwanderungspapieren 1941

Nach 2 Jahren durften die Weinbergs in die USA einreisen und zogen zu Verwandten nach Detroit. Hier machte sich Rolf mit einer Reparaturwerkstatt selbständig. Er lernt Gertrud kennen und heiratet sie 1943. Später zog er mit seiner Frau nach Los Angeles und eröffnete dort eine neue Werkstatt. Rolf hat dann noch lange als Lehrer für Automechanik an verschiedenen Collegs und technischen Schulen gearbeitet. 1984 setzte er sich in Hollywood zur Ruhe. „Meine Eltern kamen auch nach Hollywood nach, und hatten hier, Gott sei Dank, noch einige friedliche Jahre. Wir haben zwei Kinder, vier Enkelkinder und drei Stiefenkelkinder. Zwei Enkelkinder konnten meine Eltern noch erleben. Mein Vater verstarb 1964 nach schwerem Leiden, meine Mutter nur ein Jahr später. Mein Onkel Alfred und meine Tante Lotte sind beide in Detroit verstorben…“


Petersstraße 1-3: Das Kaufhaus Schocken

Am 27. März 1914 wurde auf der Freiberger Petersstraße das Kaufhaus Schocken eröffnet. Miteigentümer und Geschäftsführer bis 1930 wurde Carl Lewin. Mit der Freiberger Kaufhausgründung war das seit 1901 (Zwickauer Kaufhaus) entstandene Warenhausunternehmen der Gebrüder Schocken zum bedeutendsten Kaufhauskonzern Sachsens und – neben Wertheim, der Rudolph Karstadt AG und der Hermann Tietz und Leonhard Tietz AG – auch zu einem der größten Warenhausketten Deutschlands geworden.

Kaufhaus Schocken in der Petersstraße

Kaufhaus Schocken in der Petersstraße

Kaufhaus Schocken, nach 1926

Kaufhaus Schocken, nach 1926

Carl Lewin im Freiberger Büro, Aufnahme um 1925

Carl Lewin im Freiberger Büro, Aufnahme um 1925

 

 

 

 

 

 

 

 

So vermochte der Schocken-Konzern auch die prekäre wirtschaftliche Lage im Ersten Weltkrieg und die schweren Wirtschaftsdepressionen in der Zeit der WEIMARER Republik zu überstehen und vor allem zwischen 1924 und 1932 durch Modernisierung von Filialen und Errichtung neuer Kauhäuser (z. B. in Nürnberg, Stuttgart, Crimmitschau und Pforzheim) das Unternehmen auch über Sachsen hinaus zu erweitern.
Den Nazis war das jüdische Schocken-Unternehmen von Anfang an ein Dorn im Auge. Nach Machtübernahme am 30.01.1933 begann die kontinuierliche Existenzeinengung des seit 1929 von Salman Schocken geführten Unternehmens. Jüdische Angestellte wurden auch in Freiberg gedemütigt, zur Entlassung gezwungen und verfolgt, Kunden bedroht.
Karl Lewin, der 1930 das neu eröffnete Schocken-Kaufhaus in Chemnitz übernommen hatte, floh 1936 mit seiner Familie nach Meran und 1938 nach Palästina.

Sein Nachfolger als Geschäftsführer in Freiberg, Wilhelm Heymann, war erst 26 Jahre alt, als er das Freiberger Haus übernahm. Er heiratete 1931. 1931 und 1932 wurden ihre beiden Kinder in Freiberg geboren.

Wilhelm Heymann mit seinen Kindern Ursula und Norbert

Wilhelm Heymann mit seinen Kindern Ursula und Norbert

Kurt Günzburger, Büroleiter bei Schocken Freiberg

Kurt Günzburger, Büroleiter bei Schocken Freiberg

1934 berief ihn Salman Schocken als Direktor an das Regensburger Kaufhaus. 1938 verloren auch die letzten jüdischen Angestellten mit der endgültigen „Arisierung“ des Schocken-Konzerns ihre wirtschaftliche Existenz. Die Familie Heymann konnte nicht mehr fliehen. Am 2. April 1942 wurde die ganze Familie von Regensburg aus in das Ghetto Piaski deportiert, Sie kam nie zurück. Der letzte jüdische Geschäftsführer des Freiberger Kaufhauses war zwischen 1934 und 1936 Siegfried Jacobsohn gewesen. Ihm gelang die Flucht noch rechtzeitig mit seiner Familie. Der Büroleiter Kurt Günzburger, verheiratet mit einer nichtjüdischen Frau, wurde im November 1938 in das KZ Buchenwald verschleppt und musste 1939 Deutschland ohne Frau und seine 1931 geborene Tochter verlassen. Er musste nach Chile fliehen. Erst nach dem Krieg sah er seine Frau wieder, jedoch nie mehr seine Tochter. Sie war 1947 in Freiberg verstorben.

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurden die in der sowjetischen Besatzungszone liegenden Konzernteile entschädigungslos enteignet. 1947 erfolgte die Rückgabe der in der amerikanischen Besatzungszone gelegenen Konzernteile an Salman Schocken. Er verkaufte das Unternehmen 1953 an den Kaufhauskonzern Horten. Das Freiberger Kaufhaus wurde nach 1945 kurzzeitig zum „UNIVERMAG“, einer Handelseirichtung der sowjetischen Militäradministration. Später wurde es an die Konsum-Genossenschaft übergeben.


Silberhofstraße 1 A: Zahnarztpraxis und Wohnhaus von Dr. Guido Wangenheim

Zahnarzt Dr. Guido Wangenheim in seiner Praxis

Zahnarzt Dr. Guido Wangenheim in seiner Praxis

Guido Wangenheim wurde am 1. Juni 1891 geboren. Seine Eltern waren Nathan und Leonore Wangenheim. Über seine Lebensstationen ist wenig bekannt. Er war Zahnarzt und hatte die größte der fünf in Freiberg ansässigen Zahnarztpraxen. Im 1.Weltkrieg diente er als Zahnarzt in einem Sanitätsbataillon der Kaiserlichen Armee.

Mit seiner Frau Lilly hatte er zwei Töchter Helga (geb. 1921) und Edith (geb. 1922).
Im April 1933 gehörte seine angesehene Arztpraxis zu den ersten, die von den Nazis boykottiert und beschmiert wurden: „Laßt keine jüdischen Hände an eure deutschen Zähne“. Gerade er, der „so tief und stolz Deutscher gewesen war“, wie sich später sein Neffe Lutz Rosenthal erinnerte, wurde durch diesen Hass tief getroffen und erklärte, dass „ihn nichts bewegen könne, in Deutschland zu bleiben“.
Dr. Guido Wangenheim verließ mit seiner Familie 1936 Deutschland und wanderte nach Palästina/Israel aus, wo er eine neue Dentistenpraxis aufbaute. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus in einem jüdischen Altersheim in Deutschland. Seine Töchter leben heute in den USA.


Olbernhauer Straße 18: Familie Willy Rosenthal

Julia Wangenheim hatte 1920 in Freiberg den 1890 in Dortmund geborenen Kaufmann Willy Rosenthal kennengelernt, den sie am 14. März 1921 in Freiberg heiratete. „Ein Freund stellte ihn meinem Großvater vor, ich glaube zur berühmten jährlichen Leipziger Messe“, so schrieb Sohn Lutz Rosenthal in seinen Lebenserinnerungen: „Jüdische Väter mit Töchtern im heiratsfähigen Alter waren immer auf Ausschau nach in Frage kommenden jüdischen jungen Männern…Meine Eltern trafen sich das erste Mal am 4. Oktober 1920, verlobten sich am 10. Oktober und heirateten am 14. März 1921. Mein Vater arbeitete zuerst mit seinem Schwiegervater in der Puppenfabrik und als das nicht mehr ging, wurde er 1924 reisender Verkäufer. Es war schwere Arbeit; ich sehe ihn noch immer nachts nach Hause kommen mit seinen schweren Probekoffern…Dann, 1930, gründete er mit Hilfe seines Bruders sein eigenes Geschäft, einen Großhandel, in dem er Schreibwaren und Spielzeug verkaufte….Es war ein Kampf, aber nach einigen Anfangsschwierigkeiten begann das Geschäft zu laufen, bald darauf warf es sogar einen kleinen Gewinn ab…“.

Geburtstagsfeier um 1930. Lutz Rosenthal (vordere Reihe, links, mit Brille) mit Freiberger Spielgefährten

Geburtstagsfeier um 1930. Lutz Rosenthal (vordere Reihe, links, mit Brille) mit Freiberger Spielgefährten

1933 konnten sich die Rosenthals eine größere Wohnung, nun in der Olbernhauer Straße 18, leisten. „Unser Geschäft war damals größer geworden und wir brauchten mehr Platz. Es hatte Innen-WC und – der Gipfel des Luxus – ich hatte mein eigenes Zimmer. Ich liebte die Wohnung, wir alle liebten sie, aber wir wohnten nur zwei Jahre dort, bis zum Tod meines Vaters“.

Völlig überraschend verstarb Willy Rosenthal an den Folgen einer an sich harmlosen Operation am 16. Dezember 1935 im Freiberger Krankenhaus. „Die 15 Monate in Deutschland zwischen dem Tod meines Vaters und unserer Emigration waren die Hölle. Meine Mutter und ich konnten nicht über den Verlust meines Vaters hinwegkommen; sie weinte die ganze Zeit und ich fühlte vage, dass es an mir war, ihr zu helfen und ihr Mut zu machen, aber ich wusste nicht wie. Wir zogen aus unserer sehr großen Wohnung in eine viel kleinere, zusammen mit den Großeltern (in die Gabelsberger Straße 15 – M. D.)…Die Schule war zur Tortur geworden – ich wurde vollkommen ignoriert (wenn ich ´Glück´hatte, wenn nicht, wurde ich verspottet und geschlagen). Das Schlimmste von allem war, dass unsere Gesuche für ein Visum in einer Unmasse bürokratischer Regelungen versumpft waren und sich nicht vorwärts zu bewegen schienen…Und dann plötzlich, im Frühjahr 1937, nahmen die Dinge ihren Lauf. Wir bekamen schließlich unsere Visa. Unsere Möbel wurden in eine 5 qm große Kiste verpackt und nach Palästina verschifft (1937 war das noch zulässig – wenige Monate später wäre das unmöglich gewesen).

1996 trifft Lutz Rosenthal seinen Freiberger Jugendfreund Siegfried Lang wieder

1996 trifft Lutz Rosenthal seinen Freiberger Jugendfreund Siegfried Lang wieder

Der Rest unseres Besitzes wurde verkauft. Ich hielt es eher für einen Spaß, dass Leute in unsere Wohnung kamen und Geld, sehr wenig Geld übrigens, für all´ diese Sachen einschließlich meines Spielzeugs bezahlten; meine Mutter muss wenig begeistert gewesen sein. Am 22. März 1937 verließen wir Freiberg…Am 13. April reisten wir mit dem Zug nach Triest und am nächsten Tag gingen wir an Bord eines italienischen Linienschiffes nach Haifa.“

Lutz Rosenthal übersiedelte 1954, nach zwei Jahren Aufenthalt auf Kuba, in die USA, wo er 1956 seine Frau Vera (geboren 1927 in Budapest) heiratete. Seine Mutter Julia verstarb im August 1968 in New York. Lutz, nun Lewis Rosenthal, arbeitete bis 1983 als Mathematik-Lehrer an einer High-School. Seine über alles geliebte Frau Vera verstarb im August 1987 in New York, Lutz am 11. März 2008 in Rossmoor, New Jersey. 


Weisbachstraße 23: Fabrikantenfamilien Taubenschlag / Wolff

Die Familien Taubenschlag und Wolff gehörten zu den angesehenen Freiberger Fabrikantenfamilien. Ihr Ursprung geht zurück auf das galizische Tarnau (Tarnów), in Südostpolen gelegen und bis 1918 zu Österreich gehörend.

Meyer Taubenschlag wurde 1855 in Jastrow/Westpreußen geboren. Er heiratete dort 1883 Fanny Rothenberg (ebenda geboren 1859) und muss in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts nach Freiberg gezogen sein. Zunächst Enge Gasse 23 wohnend, kaufte er bald die Villa in der Weisbachstraße 23. 1886 bis 1901 wird Meyer Taubenschlags „Schnittwaren- und Bettfederhandlung“ in der Enge Gasse 2 genannt, ab 1901 bis 1905 eine „Manufaktur für Kurz-, Weißwaren und Wirtschaftsartikel“ in der Borngasse 6, ab 1902 bis 1911 schließlich die Fabrikation von Holzartikeln in der „Gardinenleistenfabrik M. S. Taubenschlag“ in der Borngasse 11, die später (lt. Adressbuch ab 1905) ihr Domizil in der Frauensteiner Straße 13 (Eingang: Schmiedestraße) fand. Die Taubenschlags hatten acht Kinder, fünf Söhne und drei Mädchen. 1911 starb Meyer Taubenschlag; seine Frau Fanny folgte ihm 1912. Beide haben ihre letzte Ruhestätte bis heute auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in Dresden.

Die zweitälteste Taubenschlag-Tochter, Meta Sophie, geboren 1887 in Freiberg, heiratete am 28. Dezember 1913 den Bonner Kunstantiquar und Buchhändler Abraham Georg Wolff in Freiberg. 1919, nach seiner Teilnahme am I. Weltkrieg, in dem er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, übernahm Abraham Wolff die Firma seines verstorbenen Schwiegervaters.

Abraham Georg Wolff

Abraham Georg Wolff

Da die Holzfirma sich offensichtlich nach Krieg und Inflation gut erholte und die Geschäfte erfolgreich liefen, baute Abraham Wolff 1926 einen neuen Standort der Fabrik an der Zuger Straße (damals Nr. 10; heute Nr. 42) auf. Am 28. August 1920 wurde Sohn Manfred geboren, knapp fünf Jahre später, am 25. Januar 1925, Tochter Dorothea. „Direktor Wolff“, wie er respektvoll von Geschäftspartnern und Freiberger Bekannten genannt wurde, war ein stolzer deutscher Fabrikant, geachtet und anerkannt. Seine jüdische Herkunft galt ihm wenig. Anders als andere Freiberger Juden, die zwar ebenso stolz darauf waren, assimilierte Deutsche zu sein, aber ihre jüdische Tradition stärker wahrten, legten die Wolffs wenig Wert auf jüdische Religiosität. Im Hause Wolff wurden keine jüdischen Feste gefeiert; Beziehungen und Kontakte zu anderen jüdischen Familien in Freiberg pflegten sie kaum. Sie hatten sich nahezu vollständig assimiliert. Am 10. Juni 1931 stellt Abraham Wolff den Antrag auf Aufnahme in den sächsischen Staatsverband. Und im gleichen Jahr trat das Ehepaar aus der Jüdischen Gemeinde in Dresden aus. 1933 schließlich ließ sich Abraham Wolff, der sich nun häufiger unter seinem zweiten Vornamen Georg nennen ließ, im Freiberger Dom taufen.

Wie alle jüdischen Unternehmen und Geschäfte wurde auch Wolffs Firma in den Ruin getrieben und musste Ende 1938 „zwangsarisiert“ werden. Am 16. März 1939 erfolgte die Abmeldung der Firma „Sächs. Gardinenleisten Fabrik G. Wolff“ und ihre Löschung im Handelsregister.

Dorothea Wolff mit Schulfreundin in Freiberg

Dorothea Wolff (links) mit Schulfreundin in Freiberg

Als jüdische Schüler aus den Klassen „verschwanden“, geschah dies eher nebenbei. „Arische“ Familien waren davon nicht betroffen. Manfred Wolff musste im Juni 1938 das Gymnasium ohne Abitur verlassen. Dorothea Wolff durfte die Höhere Handelsschule in Freiberg, in die sie erst am 8. April 1938 aufgenommen worden war (nach ihrer Grundschulzeit an der Körnerschule), nicht weiter besuchen.

Während des Judenpogroms der „Reichskristallnacht“ im November 1938 verhafteten die Nazis Abraham Wolff und seinen Sohn Manfred. Während der Vater nach einigen Tagen aus der Gestapo-Haft in Dresden entlassen wurde, warfen sie den Sohn als „Sonderaktionsjuden“ in das Konzentrationslager Buchenwald.

Das Ehepaar Wolff kämpfte verzweifelt um seine Kinder. Es gelang in letzter Minute, Tochter Dorothea mit den von jüdischen und freikirchlichen Hilfsgruppen organisierten Kindertransporten 1939 nach England in Sicherheit zu bringen. Sohn Manfred wurde am 18. Januar 1939 aus dem KZ entlassen, nachdem sein Vater eine Auswanderungsmöglichkeit für seinen Sohn nach England belegen konnte. Für Meta und Abraham Wolff war es da schon zu spät. Finanziell und in der wirtschaftlichen Existenz am Ende, brachten sie wahrscheinlich die enormen Summen nicht mehr auf, die das Nazireich den Juden als „Reichsfluchtsteuer“ auferlegte. Zweifellos fanden sie auch kein Auswanderungsland mehr. Um 1940 gingen die Wolffs nach Berlin und kamen bei ihrer großen Berliner Verwandtschaft unter. Als Meta und Abraham Wolff den Deportationsbefehl „in den Osten“ erhielten, nahmen sie sich am 22./23. Januar 1942 das Leben.

Richard Gray, Sohn der in Freiberg geborenen Dorothea Wolff, im September 2010 mit Ehefrau Angie als Gast in Freiberg (Verlegung der Stolpersteine für seine im Holocaust umgekommene Freiberger Familie

Richard Gray, Sohn der in Freiberg geborenen Dorothea Wolff, im September 2010 mit Ehefrau Angie als Gast in Freiberg

Oktober 2010: Empfang der Taubenschlag-/Wolff-Enkel beim Freiberger Oberbürgermeister B.-E. Schramm

Oktober 2010: Empfang der Taubenschlag-/Wolff-Enkel beim Freiberger Oberbürgermeister B.-E. Schramm

 

 

 

 

 

 

 


 

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