Anti-Rassismus-Projekt „Shalom Sachsen – Böhmen“ 1998 – 2000

Anti-Rassismus-Projekt

Ester Golan im Gespräch mit unseren Teilnehmern in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

Ester Golan im Gespräch mit unseren Teilnehmern in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem


 

 

 

 

 

 

Das Projekt lief über insgesamt 24 Monate, vom April 1998 bis März 2000, am CJD-Standort in der sächsischen Bergstadt Freiberg. Es trug den Namen „Shalom Sachsen – Böhmen“. Mit ihm beschritt die Geschichtswerkstatt – damals im Vorgriff auf das XENOS-Programm des Europäischen Sozialfonds – neue Wege einer Verbindung von arbeitsmarktnahen Angeboten für Jugendliche mit Aktivitäten der Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Das Modell-Projekt erhielt 2002 im Bundeswettbewerb „Fit für Leben und Arbeit“ eine Auszeichnung.

Ausgangssituation: Anti-Rassismus-Projekt1

Mit 10,9 % (1998) war der Anteil der Arbeitslosen unter 25 Jahren in der Freiberger Region besonders hoch. Die Zahl der Jugendlichen ohne Arbeit, die keine Ansprüche auf Leistungen des Arbeitsamtes hatten – weil sie nach der Schule oder der Berufsausbildung keine Anstellung fanden und auf Sozialhilfe angewiesen waren – wuchs zunehmend, in unserer Region zwischen 1997 und 1998 von 452 auf 544. Besonders beunruhigend war, daß ein nicht geringer Teil dieser Jugendlichen dabei über gute schulische Abschlüsse (84 %) und fast die Hälfte (48 %) über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten. Diese spezifische Situation der Jugendarbeitslosigkeit, die nicht nur für die Freiberger Region zutraf, zwang besonders im Osten dazu, nach neuen Wegen für berufliche und soziale Perspektiven gut ausgebildeter und dennoch arbeitsloser Jugendlicher zu suchen. Gerade solche Jugendlichen sind durch ihre frühzeitige Ausgrenzung aus dem Erwerbsleben stark gefährdet. Erfahrungen von Desintegration, der Mangel an sozialer Kommunikationsmöglichkeit und -fähigkeit, Defizite an sozialen Werten und deren Ersatz durch z.T. aggressive Cliquennormen führen schnell zu Mängeln in der Persönlichkeitsstruktur. Intoleranz, Fremdenhass, Rassissmus und Antisemitismus finden so viel zu häufig guten Nährboden.

Anti-Rassismus-Projekt3Die konzeptionelle Besonderheit unseres Modellversuchs war deshalb, ein Beschäftigungs- und Qualifizierungsangebot für eben diese Zielgruppe von vornherein mit der Aufarbeitung regionaler Geschichte zu verbinden. Hauptaufgabe der beteiligten 15 jungen Erwachsenen war die Dokumentation der Leistungen, aber auch der Leiden und der Verfolgung der Juden in der Freiberger Region. Weil jüdisches Leben hier über Jahrhunderte eng mit der nordböhmischen Grenzregion verbunden war, sollte diese Dokumentation auch Einflüsse und Wirkungen dieser Grenzregion einbeziehen. Anonymität und formale Geschichtsvermittlung sind wenig geeignet, junge Menschen zu erreichen. Der regionale Bezug, die Begegnung mit Zeitzeugnissen, übrigens sehr schnell auch die persönliche Begegnung mit überlebenden Zeitzeugen des Rassenwahns der Nazis und – nebenbei – auch mit den Mechanismus der Verdrängung des Themas in der DDR-Zeit hinterließen bei den Teilnehmern dieses Projekts tiefe emotionale und langwirkende Spuren.

Anti-Rassismus-Projekt4

Ausstellung der von den Teilnehmern erarbeiteten Dokumentation "Jüdische Friedhöfe in Sachsen und Nordböhmen, Nikolaikirche Freiberg 1998

Wanderausstellung „Jüdische Friedhöfe in Sachsen und Nordböhmen Nikolaikirche Freiberg 1998

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellung "Jüdische Studenten und Wissenschaftler der Bergakademie Freiberg"

Ausstellung „Jüdische Studenten und Wissenschaftler der Bergakademie Freiberg“

Ausstellung im Regierungspräsidium Chemnitz, Okt. 1999

Ausstellung im Regierungspräsidium Chemnitz, Okt. 1999

1998: Ausstellung Malerei der Israelin Ester Golan, Petrikirche Freiberg

1998: Ausstellung Malerei der Israelin Ester Golan, Petrikirche Freiberg

 

 

 

 

 

 

 

Eine einwöchige Reise nach Israel im Dezember 1998 war für die meisten TeilnehmerInnen die erste Auslandsreise überhaupt. Treffen mit Jugendlichen in unserer Partnerstadt Ness Ziona, der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Gespräche mit Zeitzeuginnen wie Ester Golan, aber auch ein Bad im Toten Meer blieben unvergesslich.

Gespannte Erwartung: Abflug nach Israel

Gespannte Erwartung: Abflug nach Israel

An der Klagemauer

An der Klagemauer

Im Biblischen Landschaftspark Neot Kedumim

Im Biblischen Landschaftspark Neot Kedumim

Erlebnis Totes Meer

Erlebnis Totes Meer

 

 

 

 

 

 

Treffen mit Ester Golan in Jerusalem. Deren Großeltern hatten in Freiberg gelebt. .

Treffen mit Ester Golan in Jerusalem. Deren Großeltern hatten in Freiberg gelebt. .

Treffen mit Miriam Werebejczyk und Sara Honigman (überlebende des Oederaner KZ-Lagers) in Haifa

Treffen mit Miriam Werebejczyk und Sara Honigman (Überlebende des Oederaner KZ-Lagers) in Haifa

 

 

 

 

 

 

 

 

Von 15 Teilnehmern fanden vier während und nach der Projektlaufzeit Arbeit im 1. Arbeitsmarkt, sechs begannen eine Umschulung bzw. holten das Abitur im 2. Bildungsweg nach, drei blieben beim CJD und zwei junge Frauen wurden Mütter.

Rezension von Thomas Reichert zum Projekt „Shalom Sachsen-Böhmen“ in Heft 8/2004 d. Martin-Buber-Gesellschaft

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